Warum und wie sucht medizinisches Fachpersonal derzeit nach Informationen?
Ärztinnen und Ärzte suchen in der Regel aus zwei Hauptgründen nach Informationen:
- Um auf dem aktuellen Stand zu bleiben: Die meisten investieren mehrere Stunden pro Woche, um Fortschritte in der Medizin, neue Behandlungsempfehlungen und aktuelle Forschungsergebnisse zu verfolgen.
- Um Antworten für einen konkreten Patientenfall zu finden: Das ist seltener (etwa zwei- bis viermal im Monat), erfordert jedoch hochspezifische Informationen.
Um diesen Bedarf zu erfüllen, werden je nach Kontext unterschiedliche Kanäle genutzt. Um kontinuierlich auf dem neuesten Stand zu bleiben, wird vor allem auf drei Informationsquellen zurückgegriffen.
Medizinische Kongresse bleiben ein zentraler Eckpfeiler: Die meisten Ärztinnen und Ärzte besuchen zwei bis drei Veranstaltungen pro Jahr. Diese Treffen gelten als essenziell, um die neuesten Entwicklungen im Krankheitsmanagement und in der Therapie zu verfolgen.
Wissenschaftliche Fachzeitschriften und deren Newsletter spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Auch wenn nicht jeder Artikel im Detail gelesen wird, dienen Abonnements und kuratierte Updates als verlässliche Quellen für die kontinuierliche Fortbildung.
Der Austausch mit Außendienstmitarbeitenden von Pharmaunternehmen findet nach wie vor regelmäßig statt. Die Wirksamkeit dieses Kanals hängt jedoch stark von der Relevanz der Inhalte, der Qualität der Interaktion und dem Zeitpunkt des Besuchs ab.
Für konkrete Patientenfälle wenden sich Ärztinnen und Ärzte eher zielgerichteten Ressourcen zu. PubMed bleibt die zentrale Referenz für peer-reviewte Evidenz, insbesondere bei seltenen oder unbekannten Erkrankungen. Parallel ist der Austausch mit Kollegen, ob formell oder informell, oft die erste Quelle für praxisnahe Einschätzungen – vor allem bei komplexen oder mehrdeutigen Fällen.
Über beide Informationsbedürfnisse hinweg bewerten Ärztinnen und Ärzte ihre Quellen anhand von drei zentralen Erwartungen²:
- Relevanz der Information: Ist der Inhalt nützlich, korrekt und auf ihre Spezialisierung oder Fragestellung zugeschnitten?
- Passender Kommunikationskanal: Ist das Format geeignet (z. B. Fachzeitschrift für vertiefte Analyse, Newsletter für schnelle Updates)?
- Frequenz der Nutzung: Wie oft müssen sie die Quelle konsultieren? Handelt es sich um eine einmalige Recherche oder um eine regelmäßige Aktivität?
Die aktuell genutzten Kanäle erfüllen diese Erwartungen nur teilweise. Viele Mediziner erwarten zunehmend personalisierte, handlungsorientierte und direkt verfügbare Informationen, doch das bestehende Ökosystem ist fragmentiert, zeitaufwendig in der Nutzung und schlecht an den klinischen Alltag angepasst.
Zudem ist die Menge verfügbarer medizinischer Informationen in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Viele HCPs (Healthcare Professionals) haben zunehmend Schwierigkeiten, das wirklich Relevante von der Informationsflut zu trennen. Daraus ergibt sich die Frage: Können neue Technologien die Informationssuche effizienter machen?
Wie können neue Lösungen die Bedürfnisse von Ärztinnen und Ärzten besser erfüllen?
Drei zentrale Lösungen könnten die Art, wie medizinische Fachkräfte Informationen suchen und finden, erheblich verbessern und neu gestalten:
Künstliche Intelligenz (KI)
KI ist heute allgegenwärtig – und die Ärzteschaft bildet hier keine Ausnahme. Viele nutzen KI bereits intensiv zur Informationssuche, und die Nutzung wird weiter zunehmen. In Frankreich geben beispielsweise vier von zehn Ärztinnen und Ärzten an, KI-Tools regelmäßig zu verwenden (zwischen einmal täglich und einmal monatlich)³.
Tatsächlich setzen viele ChatGPT und vergleichbare Systeme als Unterstützung ein, insbesondere bei komplexeren Fällen. Das zeigen persönliche Erfahrungsberichte und aktuelle Zahlen: Französische Mediziner nutzen KI etwa zur Informationssuche über Krankheiten (20 % der Anwendungsfälle) oder zur diagnostischen Unterstützung (11 %)⁴.
Neben generalistischen Systemen entsteht derzeit eine neue Generation spezialisierter Tools, die gezielt auf die Bedürfnisse von medizinischem Fachpersonal zugeschnitten ist: Consensus AI (2022) bietet eine forschungsorientierte Suchmaschine, die peer-reviewte Studien schnell zusammenfasst. OpenEvidence, entwickelt u. a. von Angehörigen der Harvard Medical School und ebenfalls 2022 veröffentlicht, ermöglicht in Echtzeit Anfragen zu Symptomen und Erkrankungen und liefert Literaturüberblicke und Quellen und kann so sogar während der Konsultation mit Patienten genutzt werden.
Es ist nicht überraschend, dass die Nutzung von KI im Gesundheitsbereich boomt. Denn die Vorteile liegen auf der Hand: ein zentraler Zugangspunkt, relevante und hochwertige Informationen, intuitive Handhabung und präzise Antworten.
Doch bleiben Herausforderungen bestehen. Dazu gehören Kosten (insbesondere wenn Inhalte durch Paywalls geschützt sind), Unsicherheiten in Bezug auf die Zuverlässigkeit oder Vollständigkeit bei seltenen oder komplexen Fällen, sowie die Frage, ob KI sich wirklich an die Vielfalt klinischer Situationen anpassen kann.
Digitale Tools
Es gibt auch digitale Anwendungen, die ohne KI funktionieren, und die speziell für den schnellen, strukturierten Zugriff auf verlässliche Informationen entwickelt wurden.
So bietet in Frankreich beispielsweise die Kooperation zwischen Maiia und der Claude-Bernard-Datenbank (seit 2020) eine benutzerfreundliche Suchfunktion im Rahmen von Telekonsultationen. UpToDate ist ein weit verbreitetes Tool, das insbesondere zur schnellen Abklärung evidenzbasierter Fragen oder komplexer Arzneimittelinteraktionen und oft während der Konsultation auf dem Smartphone genutzt wird.
Diese Lösungen bieten deutliche Vorteile gegenüber traditionellen Quellen wie gedruckten Fachzeitschriften oder statischen PDFs: Sie sind in Echtzeit zugänglich, werden regelmäßig aktualisiert und sind auf medizinische Arbeitsabläufe ausgerichtet. Ihre Einschränkungen liegen jedoch in ihrer vergleichsweise starren Struktur und, in manchen Fällen, in einer Paywall, die den Zugang für eine breitere Gruppe von Behandelnden einschränkt.
Soziale Medien und Peer-to-Peer-Netzwerke
Eine wachsende Zahl von Ärztinnen und Ärzten nutzt soziale Medien oder geschlossene Gruppen zum Austausch praktischer Erfahrungen. Studien⁵ zeigen: 72 % glauben, dass soziale Plattformen die Patientenversorgung verbessern, und über 30 % nutzen sie bereits beruflich.
In manchen Bereichen, etwa der Neurologie, bieten Plattformen wie SERMO Raum für kollegialen Austausch und Falldiskussionen. In Brasilien sind informelle WhatsApp-Gruppen für Fallbesprechungen weit verbreitet. Ein Beispiel ist das Netzwerk EndoNews, das 2017 gegründet wurde und heute 12 Gruppen mit über 3 000 Endokrinologinnen, -endokrinologen und HCPs umfasst.
Im Vergleich zu traditionellen Suchmethoden ermöglichen soziale Medien einen unmittelbaren Austausch, Bestätigung von Behandlungsansätzen und das Teilen praktischer Erfahrungen. Allerdings werden dort nur selten Primärquellen angegeben, was Bedenken hinsichtlich der Qualität und Nachvollziehbarkeit der ausgetauschten Informationen aufkommen lässt.
Die Rolle von Pharmaunternehmen als vertrauenswürdige Partner beim Informationszugang neu denken
In den vergangenen Jahren haben medizinische Fachkräfte vermehrt Unzufriedenheit mit ihren Interaktionen mit der Pharmaindustrie geäußert. Berichten zufolge zeigen 81 % der Ärztinnen und Ärzte Unzufriedenheit mit ihren Kontakten zu biopharmazeutischen Unternehmen⁶. Zwar schätzen sie qualitativ hochwertige klinische Daten und praxisrelevante Tools, doch viele fühlen sich durch zu viel, zu wenig zielgerichteten oder unpraktisch aufbereiteten Content überlastet.
Dies zeigt einen grundlegenden Widerspruch: Der Bedarf an klaren medizinischen Informationen bleibt hoch, gleichzeitig fällt es Pharmaunternehmen schwer, ihre Rolle als verlässlicher und hilfreicher Partner aufrechtzuerhalten. Zugleich ergibt sich hier eine große Chance, Informationsvermittlung und Zusammenarbeit neu zu denken.
Pharmaunternehmen haben bereits begonnen, zu agileren, zielgerichteteren und nutzerzentrierteren Modellen überzugehen, um zur richtigen Zeit die richtige Information an die richtige Person zu liefern. Insbesondere Medical Affairs ist prädestiniert, diese Entwicklung voranzutreiben und als strategischer Partner die Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse in die klinische Praxis zu unterstützen.
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Mehrere zentrale Hebel zeichnen sich ab:
Personalisierte Informationen basierend auf der jeweiligen Fachrichtung, den Gewohnheiten und dem klinischen Kontext bereitstellen
Dazu gehört die Entwicklung maßgeschneiderter Engagement-Journeys, die durch Nutzungsdaten und Verhaltenssignale gesteuert werden. Dazu gehören etwa die Suche nach Informationen zu einer Erkrankung, die Teilnahme an einem Webinar oder das Öffnen einer bestimmten E-Mail. Unterstützt wird dies durch die zuvor genannten neuen Tools: KI-gestützte Systeme, die Inhalte entsprechend dem Bedarf der Anwenderinnen und Anwender ausspielen, sowie eine stärkere und gezieltere Präsenz in den sozialen Medien zu entscheidenden Tageszeitpunkten. Zusammengenommen ermöglichen diese Elemente mehr Reaktionsfähigkeit und eine höhere Frequenz zielgerichteter Interaktionen. Statt zwei bis drei breiter Kampagnen pro Jahr werden 10 bis 12 dynamische, personalisierte Kontaktpunkte möglich.
Content-Formate vereinfachen und attraktiver sowie interaktiver gestalten
Beispiele hierfür sind dynamische Infografiken, intelligente Literatursuchmaschinen oder KI-generierte klinische Zusammenfassungen, die häufig in speziell für Ärztinnen und Ärzte entwickelte mobile Anwendungen integriert sind. Einige pharmazeutische Unternehmen führen bereits Plattformen ein, die modularen, fachspezifischen Content mit direktem Zugang zu Unterstützungsangeboten bei komplexeren Fragestellungen kombinieren.
Während traditionelle Kanäle weiterhin eine zentrale Rolle spielen, führt die Explosion medizinischer Informationen dazu, dass Ärztinnen und Ärzte zunehmend personalisierten und omnichannel-basierten Lösungen zuwenden – sowohl zur Fortbildung als auch zur Fallklärung.
Pharmaunternehmen spielen in diesem Wandel eine entscheidende Rolle. Dank ihrer wissenschaftlichen Expertise und ihrer Ressourcen können sie die richtige Information, zur richtigen Zeit, für die richtige Person bereitstellen. Dieser Wandel schafft Mehrwert auf allen Ebenen: Zeitersparnis für Ärztinnen und Ärzte, besser zugeschnittene Versorgung für Patientinnen und Patienten und stärkere Bindung für die Unternehmen.
Wir von Alcimed begleiten Akteure im Gesundheitswesen dabei, diese Entwicklungen zu erkennen und in umsetzbare Strategien zu überführen.
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Über die Autoren,
Martin, Project Manager und Gabriel, Consultant in Alcimeds Healthcare Team in Frankreich