Kaiserschnitt: ein Störfaktor für das Neugeborenen-Mikrobiom, der das Risiko für Immunerkrankungen erhöht
Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Art der Geburt eine entscheidende Rolle bei der Zusammensetzung der Mikrobiota von Säuglingen spielt. Tatsächlich ist die orale und Haut-Mikrobiota von Kaiserschnittkindern weniger vielfältig und unterscheidet sich in ihrer Zusammensetzung im Vergleich zu vaginal geborenen Babys. Ein Kind, das per Kaiserschnitt zur Welt kommt, hat eine Mikrobiota, die aus Bakterien der mütterlichen Haut und der Krankenhausumgebung besteht, während ein vaginal geborenes Kind von den vaginalen Bakterien (Lactobacillus) der Mutter besiedelt wird.
Das Mikrobiom des Babys entwickelt sich dann in den ersten Tagen und Monaten weiter und diversifiziert sich, um sich an die verschiedenen Körperbereiche anzupassen. Diese Diversifikation erfolgt bei Kaiserschnittkindern langsamer. Nach Beginn der Beikost ab dem 6. Monat nimmt die Mikrobiota-Besiedlung zu und die Unterschiede zwischen den Geburtsarten werden tendenziell geringer.
Die Qualität der ersten bakteriellen Besiedlung spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Immunsystems. Studien haben gezeigt, dass ein mikrobielles Ungleichgewicht bei Säuglingen die Ausbildung des Immunsystems stark stört und das Risiko für Immunerkrankungen im Laufe des Lebens erhöht. Epidemiologische Studien bestätigen, dass Personen, die per Kaiserschnitt geboren wurden, ein höheres Risiko für Immunerkrankungen und Allergien haben (18 % bis 31 % laut Studien).
Welche Strategien gibt es derzeit, um den Einfluss des Kaiserschnitts auf das Mikrobiom von Neugeborenen zu reduzieren?
Mehrere Ansätze können das Risiko für Immunerkrankungen im Zusammenhang mit einem Kaiserschnitt verringern:
- Stillen: Stillen ist ein natürlicher Weg, das Mikrobiom zu beeinflussen. Studien zeigen, dass eine Ernährung ausschließlich über Muttermilch bei Kaiserschnittkindern deren Mikrobiom ähnlich wie bei vaginal geborenen Babys verändert. Der positive Effekt der Muttermilch beruht auf dem Vorhandensein von Lactoferrin und bestimmten Oligosacchariden, die das Wachstum von Bakterien fördern, die für die richtige Entwicklung des Immunsystems des Kindes wichtig sind (z. B. Bifidobacterium).
- Probiotika: Eine weitere Strategie ist die direkte Einnahme dieser nützlichen Bakterien über Probiotika. Studien zeigen, dass bestimmte Arten von Lactobacillus, Bifidobacterium oder Propionibakterien einen Schutz vor Allergien bei Kaiserschnittkindern bieten können.
- Übertragung der vaginalen Mikrobiota („Vaginal Seeding“): Ein vielversprechender Ansatz ist die Übertragung der vaginalen Mikrobiota direkt nach der Kaiserschnittgeburt. Dabei wird eine Mullkompresse für eine Stunde in der Vagina der Mutter inkubiert und anschließend direkt nach der Geburt auf das Neugeborene aufgetragen. Mehrere laufende klinische Studien in den USA prüfen die Wirksamkeit dieser Technik zur Reduzierung des Risikos für Immunerkrankungen bei Kaiserschnittkindern. Erste Ergebnisse sind ermutigend: Die Exposition gegenüber den vaginalen Bakterien der Mutter (hauptsächlich Lactobacillus) fördert in den Monaten nach dem Kaiserschnitt die Bildung eines ausgewogenen Mikrobioms. Ob dieser positive Effekt das Risiko für Immunerkrankungen im späteren Leben tatsächlich senkt, muss jedoch noch nachgewiesen werden.
Wie reagiert die Pharmaindustrie auf diese Herausforderung?
Derzeit sind es eher kleinere Akteure, vor allem Biotech-Unternehmen, die sich mit diesem Thema befassen. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit zwischen der University of British Columbia und dem biopharmazeutischen Start-up PureTech Health sowie dessen Tochtergesellschaft „Commense Inc“. Ziel ist die Entwicklung einer „mikrobiombasierten“ Therapie zur Vorbeugung von Asthma und anderen Allergien bei Kaiserschnittkindern durch Förderung eines ausgewogenen Mikrobioms bei Kindern.
Weitere Start-ups wie OmniBiome, Evolve BioSystems und Infant Bacterial Therapeutics positionieren sich im Markt für therapeutische Lösungen zum kindlichen Mikrobiom. Sie entwickeln innovative Ansätze, um Erkrankungen im Zusammenhang mit Kaiserschnitten zu verhindern, zu erkennen, zu diagnostizieren und zu behandeln. Evolve BioSystems hat beispielsweise „Evivo“ entwickelt, eine neue Generation von Probiotika, die mit Muttermilch gemischt werden, um das Mikrobiom im Darm des Babys zu stimulieren und zu schützen. Erste Ergebnisse zeigen, dass Evivo die Entwicklung eines gesunden Immunsystems unterstützt.
Zunehmend zeigen wissenschaftliche Studien die Bedeutung des Mikrobioms von Säuglingen und die potenziell schädlichen Auswirkungen eines Kaiserschnitts auf die Gesundheit von Kindern. Da dieser Eingriff weltweit häufig durchgeführt wird, ist es wichtig, nachhaltige Lösungen zu finden, um das Risiko von Immunerkrankungen und Allergien zu reduzieren. Immer mehr Biotech-Unternehmen entwickeln daher therapeutische Lösungen für diesen ungedeckten Bedarf. Neben der Weiterentwicklung mikrobiombasierter Therapien könnte auch die Integration neuer Ansätze wie „Vaginal Seeding“ in Krankenhäusern unterstützt werden.
Über die Autorin,
Eugénie, Consultant in Alcimeds Healthcare Team in Frankreich