Luftfahrt, Raumfahrt, Verteidigung

Die verborgene Seite von Artemis 2: zwischen amerikanischer Führung und europäischer Souveränität

Veröffentlicht am 27 Juli 2026 Lesen 25 min

Die Rückkehr des Menschen zum Mond ist keine Zukunftsvision mehr, sondern eine operative Realität. Am Samstag, den 11. April, wurde die Mission Artemis 2 nach zehn Flugtagen und einem Vorbeiflug am Mond erfolgreich abgeschlossen. Zwar angeführt von der NASA basiert sie in Wirklichkeit lauf einer zutiefst internationalen Architektur, in der Europa eine entscheidende Rolle spielt, sowohl auf industrieller als auch auf operativer und wissenschaftlicher Ebene. Über die technische Leistung hinaus wirft sie eine zentrale Frage auf: Wie positioniert sich Europa als unverzichtbarer Partner im Artemis-Programm?

Ein kritisches Modul von Artemis, made by Europe

Das für die Artemis-Missionen entwickelte Raumschiff Orion ist in der Lage, vier Astronauten über die niedrige Erdumlaufbahn hinaus bis zum Mond zu befördern. Es besteht aus zwei wesentlichen Bestandteilen (siehe Abbildung 1):

    1. dem Crew Module (Kommandomodul), das die Besatzung während der Mission beherbergt und schützt und ihre Rückkehr zur Erde gewährleistet.
    2. dem European Service Module (ESM, Servicemodul), in dem sämtliche für die Mission erforderlichen technischen Systeme zusammengeführt sind, etwa Antrieb, Energieerzeugung und Lebenserhaltung. Dieses Modul, das rund 60 % der Gesamtmasse von Orion ausmacht, wird vollständig in Europa konzipiert, entwickelt und gebaut, und zwar von der Europäischen Weltraumorganisation (European Space Agency, ESA).
Komponenten Servicemodul Kommandomodul Orion
Abbildung 1: Diese Abbildung zeigt die Bestandteile des Service- und Kommandomoduls von Orion. Die Komponenten des Servicemoduls umfassen den Adapter des Kommandomoduls, das von der ESA bereitgestellte Modul, den Adapter des Raumschiffs sowie drei abwerfbare Verkleidungspaneele des Raumschiffadapters. Quelle: https://www.nasa.gov/missions/artemis/orion/nasa-gears-up-to-test-orions-powerhouse/

 

Dieses Servicemodul, das „technische Herz“ von Orion1CNES. (o. D.). Artemis II: Ein neuer Aufbruch zum Mond [auf Französisch]. CNES. https://cnes.fr/actualites/artemis-ii-un-nouveau-depart-vers-lune, stützt sich auf eine europaweit integrierte Zulieferkette, die das Gründungsprinzip der Industriepolitik der ESA widerspiegelt: das Prinzip des geografischen Rückflusses, wonach jeder Mitgliedstaat Industrieaufträge in Höhe seines Beitrags zum Budget der Agentur erhält.

Insgesamt sind 14 europäische Unternehmen, davon 5 französische, an der Fertigung des ESM von Orion beteiligt. Auch wenn es nicht die Astronauten beherbergt, ist das Servicemodul doch ein absolut kritisches Element: Es liefert den Antrieb, die Energie, die Temperaturregelung und einen Großteil der Steuerungsfunktionen des Raumschiffs. Konkret ermöglicht es Orion, zu manövrieren, seine Systeme funktionsfähig zu halten und in der Weltraumumgebung zu überleben.

Im Zentrum dieses Systems übernimmt Airbus Defence and Space die Rolle des industriellen Hauptauftragnehmers und Integrators des Moduls und koordiniert sämtliche Subsysteme. Das Antriebssystem, bestehend aus den Lageregelungstriebwerken und den Treibstofftanks, wird von ArianeGroup entwickelt. Dieses System wird durch die Filtrations und Fluidmanagementsysteme von Safran abgesichert. Die Primärstruktur des Moduls sowie die thermischen Systeme werden von Thales Alenia Space bereitgestellt.

Um diesen Kern herum trägt eine Vielzahl europäischer Industrieunternehmen zu kritischen Funktionen bei: Die Energieversorgung erfolgt über die von Airbus Defence and Space in den Niederlanden hergestellten Solarpaneele, das Thermomanagement wird vollständig in Spanien von Airbus Crisa gesteuert, und die elektrischen Kabelbäume werden vom französischen Spezialisten Latelec geliefert. Schweizer Unternehmen (Beyond Gravity und APCO Technologies), belgische (Sonaca), dänische (Rovsing), schwedische (OHB Sweden) und norwegische (Prototech) Unternehmen vervollständigen diese Zulieferkette in den Bereichen Mechanismen, Sekundärstrukturen sowie Test und Validierungsaktivitäten.

Durch die Beherrschung dieser kritischen Bausteine beschränkt sich Europa nicht auf die Rolle eines Zulieferers, sondern etabliert sich als unverzichtbarer Partner, der in der Lage ist, kritische Systeme im Zentrum der ambitioniertesten Explorationsprogramme zu tragen, und stärkt dabei zugleich seine Autonomie für künftige europäische Missionen.

Diese unverzichtbare und autonome Rolle gilt auch für die operative Betreuung der Missionen vom Boden aus. Das europäische Servicemodul wird nämlich vom technischen Zentrum der ESA (European Space Research and Technology Centre, ESTEC) betreut, das eine Schlüsselrolle bei der technischen Überwachung, der Systemqualifizierung und der Leistungsvalidierung des ESM spielt.

Schließlich zeigt dieser Beitrag die Fähigkeit Europas,

  • Komplexe Weltraumsysteme zu konzipieren und zu integrieren,
  • kritische Technologien der bemannten Raumfahrt abzusichern,
  • die operative Betreuung vom Boden aus sicherzustellen,
  • künftige Architekturen der Mond- und Marserkundung zu beeinflussen.

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Die medizinische Überwachung der Astronauten, eine strategische Expertise Frankreichs

Über den industriellen Beitrag hinaus bringt Europa auch eine gezielte Expertise zu einem zentralen Thema der bemannten Raumfahrt ein: die medizinische Überwachung und die Auswertung menschlicher Daten in der Weltraumumgebung.

In diesem Rahmen trägt die Französische Raumfahrtagentur (Centre National d’Études Spatiales, CNES) über die App EveryWear zur Mission bei, die von ihrer Tochtergesellschaft MEDES in Toulouse entwickelt wurde. Dieses Tool ermöglicht die Echtzeitüberwachung der physiologischen Parameter der Astronauten sowie den Austausch medizinischer Informationen mit dem Boden.

In den Nutzerunterstützungszentren (User Support Operations Centres, USOC) eingesetzt und bei richtungsweisenden Missionen der bemannten Raumfahrt genutzt, stellt EveryWear heute einen operativen europäischen Baustein für das medizinische Monitoring unter realen Bedingungen dar. Die Anwendung kam bereits bei Referenzmissionen wie denen von Thomas Pesquet (Proxima und Alpha) zum Einsatz, seit Februar auch bei Sophie Adenot während ihrer auf neun Monate angelegten Mission Epsilon.

Über das technologische Instrument hinaus spiegelt dieser Beitrag eine strategischere Entwicklung wider: die Fähigkeit, einen Teil der medizinischen Operationen der bemannten Raumfahrt selbst zu beherrschen. Im Kontext von Artemis und künftiger bemannter Langzeitmissionen wird die Beherrschung der medizinischen Überwachung der Astronauten zu einem eigenständigen Thema der Explorationsprogramme, und die französische Expertise über EveryWear etabliert sich als einer der Bausteine, die zur europäischen Raumfahrtautonomie beitragen.

Artemis: zwischen Souveränität und kontrollierter Abhängigkeit

Vor dem Hintergrund der für Ende des Jahrzehnts geplanten De-Orbiting der Internationalen Raumstation (ISS) wird Artemis zu einem der wenigen Vehikel, um die Kontinuität der europäischen Präsenz in der bemannten Raumfahrt zu gewährleisten.

Die Beteiligung Europas an Artemis stellt somit eine strategische Abwägung zwischen Autonomie und Zugang dar. Der Aufbau eigenständiger Mondflugfähigkeiten  würde nämlich Investitionen in Höhe mehrerer Dutzend Milliarden Euro erfordern, die heute im Rahmen von Artemis größtenteils von der NASA getragen werden. Bei einem deutlich geringeren Investitionsniveau sichert der europäische Beitrag über das ESM jedoch den Zugang zu bemannten Missionen, zu Mondinfrastrukturen und zu den damit verbundenen Daten, und das bei gleichzeitigem Erhalt einer bedeutenden industriellen Leistungsfähigkeit.

Es handelt sich also um einen strategischen und finanziellen Hebeleffekt, bei dem ein gezielter Beitrag den Zugang zu einem umfassenderen Weltraum-Ökosystem für die ESA ermöglicht. Diese Beteiligung bildet damit einen Pfeiler des europäischen Explorationsprogramms Terrae Novae, indem sie den Zugang zur bemannten Raumfahrt und zu künftigen Explorationsarchitekturen sichert.

Für Europa geht es dabei um zwei Aspekte: seine Abhängigkeit von der amerikanischen bemannten Raumfahrt zu verringern und gleichzeitig vollständig in die Explorationsmissionen sowie die daraus resultierenden wissenschaftlichen und technologischen Ergebnisse eingebunden zu bleiben.

Artemis wirkt somit als technologischer und wissenschaftlicher Beschleuniger mit potenziellen Auswirkungen auf zahlreiche strategische Industriesektoren (Gesundheit, Materialien, Verteidigung, eingebettete Systeme) sowie auf die wissenschaftliche Forschung. Es ermöglicht Europa, seine Schlüsselkompetenzen in der bemannten Raumfahrt zu erhalten und weiterzuentwickeln, eine Spitzenindustrie sowie hochqualifizierte Arbeitsplätze zu fördern und gleichzeitig seine Präsenz in künftigen Raumfahrtprogrammen zu festigen. Schließlich stellt es einen wichtigen Hebel für die transatlantische geopolitische Zusammenarbeit dar, insbesondere mit den Vereinigten Staaten, und sichert Europa zugleich Einflussmöglichkeiten auf künftige Raumfahrtarchitekturen.

Jenseits der menschlichen, technologischen und wissenschaftlichen Meisterleistung wirft das Mondprogramm Artemis eine zentrale Frage nach Souveränität und geopolitischem Einfluss auf.

Obwohl in der medialen Berichterstattung oft in den Hintergrund gerückt, etabliert sich die europäische, insbesondere die französische Raumfahrtindustrie als unverzichtbarer technischer Pfeiler der Artemis-Missionen, mit kritischen Beiträgen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Diese Position spiegelt nicht nur solides industrielles Know-how wider, sondern auch einen bedeutenden strategischen Hebel vor dem Hintergrund der europäischen Reindustrialisierung und des Wandels im Raumfahrtsektor.

In einem Umfeld, das von einer sich beschleunigenden Wettbewerbsdynamik im Weltraumsektor und einem Bedarf an Reindustrialisierung geprägt ist, erfordert die Stärkung dieser Entwicklung die Bewältigung mehrerer zentraler Herausforderungen: die Steigerung der industriellen Produktionsrate, die Strukturierung der Wertschöpfungsketten, die Absicherung internationaler Partnerschaften und die Nutzung von Innovationen. All diese Veränderungen erfordern eine klare strategische Vision und eine starke Umsetzungsfähigkeit.

In diesem Zusammenhang begleiten wir bei Alcimed die Akteure aus Raumfahrt und Industrie bei diesen Veränderungen, um ihnen dabei zu helfen, ihre Positionierung und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Das Ziel: eine robuste strategische Vision zu entwickeln und die Akteure in einem international turbulenten Umfeld zu unterstützen, in dem das Unbekannte zur Norm wird und Agilität sowie die Konsolidierung technologischer Stärken entscheidend werden. Kontaktieren Sie gerne unser Team!


Über die Autoren,

Emilien, Consultant in Alcimeds Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidiungsteam in Frankreich

Alexandre, Project Manager in Alcimeds Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidiungsteam in Frankreich

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