Healthcare

Der Care Manager – zukünftiger Schlüsselakteur im Patientenpfad

Veröffentlicht am 29 Juli 2021 Lesen 25 min

Die Zahl älterer Menschen, die mit Autonomieverlust zu kämpfen haben, wird aufgrund der Alterung der Gesellschaft weiter zunehmen. Medizinischer Fortschritt und verbesserte Lebensbedingungen allein werden nicht ausreichen, um diese Entwicklung aufzuhalten. Bis 2050 werden beispielsweise allein in Frankreich rund 25 Millionen ältere Menschen mit diesem Autonomieverlust konfrontiert sein. Um diesen Millionen von Betroffenen eine qualitativ hochwertige Versorgung zu bieten, wird der Care Manager – nach dem Vorbild der nordischen Länder – eine zunehmend zentrale Rolle im Gesundheitssystem einnehmen.

Der Care Manager: ein Schlüsselakteur in der Versorgung

Um dem zunehmenden Autonomieverlust in der alternden Bevölkerung besser entgegenzuwirken, setzen Länder wie Schweden, Dänemark und Japan auf sogenannte Care Manager – Fachkräfte mit einer Doppelfunktion: Zum einen übernehmen sie Managementaufgaben, zum anderen verfügen sie über medizinisches Fachwissen. Sie sind heute zentrale Stützpfeiler der Versorgungsstrukturen dieser Länder. Der Care Manager steht im Mittelpunkt des Dreiecks aus Patient – medizinischem Personal – Verwaltung und sorgt für reibungslose Abläufe und einen effizienten Austausch zwischen diesen Akteuren. Häufig verfügen Care Manager über eine Ausbildung in Physiotherapie, Gerontologie oder Geriatrie.

Als Bindeglied innerhalb dieser Gesundheitssysteme nehmen sie eine doppelte Rolle ein:

  • Sie beurteilen zunächst, wie stark ältere Menschen in ihrem Alltag eingeschränkt sind, und überprüfen regelmäßig ihren Gesundheitszustand, wenn eine vollständige Selbstständigkeit nicht mehr möglich ist.
  • Sie sorgen für die Therapietreue der Patienten (z.  die ordnungsgemäße Einnahme von Medikamenten), prüfen, ob die häusliche Umgebung an die Bedürfnisse angepasst ist, und unterstützen eine reibungslose Rückkehr nach einem Krankenhausaufenthalt.

Darüber hinaus ersetzen sie oftmals informelle Pflegepersonen wie Angehörige oder Freunde – eine Rolle, die in der öffentlichen Wahrnehmung wenig sichtbar und wenig anerkannt ist, dabei jedoch unverzichtbar bleibt. Auch wenn der Care Manager sich in vielen anderen europäischen Ländern bislang noch nicht durchgesetzt hat, wäre seine Integration ins Gesundheitssystem dort ebenso sinnvoll wie in den oben genannten Ländern.

Der Care Manager: eine zentrale Rolle in der Prävention

Programme zur Früherkennung von Autonomieverlust und motorischem Abbau gewinnen zunehmend an Bedeutung. Beispiele hierfür sind das ICOPE-Programm (Integrated Care for Older People) der WHO, das ein Tool zur schnellen Messung intrinsischer Fähigkeiten entwickelt hat, oder das Projekt „Bien Vieillir“ („Gesundes Altern“) des Universitätsklinikums Nizza, das ein zukünftiges Modell des gesunden Alterns mit drei Grundpfeilern verfolgt: bessere Antizipation, bessere Prävention und bessere Nachverfolgung.

Würden solche Systeme flächendeckend implementiert, könnten beispielsweise vermeidbare Krankenhauseinweisungen deutlich reduziert werden. Schätzungen zufolge waren im Jahr 2015 rund 20 % der Krankenhausaufenthalte von über 65-Jährigen in Frankreich vermeidbar. Dabei lag der durchschnittliche Tagespreis für einen Kurzzeitaufenthalt an der AP-HP im Jahr 2019 bei 898 €, wovon 80 % von der Krankenkasse getragen wurden. Eine wirksamere Prävention könnte derartige kostspielige Aufenthalte vermeiden. Ebenso lag die 30-Tage-Wiederaufnahmerate bei 12 % im Jahr 2015 – ein weiteres Argument dafür, dass Vorsorge besser ist als Nachsorge.

Ist die gesunde Lebenserwartung ein Indikator für die Schwächen unseres Gesundheitssystems?

Ein flächendeckendes Netzwerk von Care Managern würde älteren Menschen ein Altern unter besseren Bedingungen ermöglichen – und somit auch deren gesunde Lebenserwartung erhöhen. Dr. Hiroshi Nakajima, ehemaliger Generaldirektor der WHO, brachte es 1997 auf den Punkt: „Ohne Lebensqualität ist eine verlängerte Lebensdauer wenig interessant.“

Frankreich zählt im OECD-Vergleich zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung bei Geburt. Bei der gesunden Lebenserwartung hingegen liegt Frankreich unter dem Durchschnitt: Eine 65-jährige Frau lebt durchschnittlich noch 23,2 Jahre, davon aber nur 11,2 Jahre ohne körperliche Einschränkungen. Ein Mann desselben Alters lebt im Schnitt noch 19,4 Jahre, davon 10,1 Jahre ohne Einschränkungen. Diese Diskrepanz könnte durch eine frühzeitige Erkennung von Gebrechlichkeit – unter anderem durch die Intervention von Care Managern – verringert werden.

Derzeit ist die Organisation der Pflege bei Autonomieverlust in Frankreich komplex. Sie ist geprägt von einer Vielzahl an Akteuren, Finanzierungssystemen und Einrichtungen. Diese Komplexität – verstärkt durch das Fehlen einer zentralen, leicht zugänglichen Anlaufstelle – führt häufig zu Brüchen in der Versorgung. Die Einführung von Care Managern könnte helfen, diese Lücken zwischen den verschiedenen Strukturen im Gesundheits-, Sozial- und ambulanten Bereich zu schließen.

Da der Patientenpfad derzeit nicht optimal strukturiert ist, könnte ein koordinierender Akteur wie der Care Manager diesen linearer gestalten. Somit würde der Care Manager nicht nur zu einer zentralen Ansprechperson für ältere Menschen, sondern auch zu einem verlässlichen Partner für alle Akteure entlang des Versorgungsweges.


Über die Autoren, 

Fanny, Consultant, und Quentin, Project Manager in Alcimeds Life Sciences Team in der Schweiz

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