Long COVID: eine Reihe von Symptomen, die von Experten zunehmend anerkannt wird
Der Begriff Long COVID wurde bereits 2020 von Patienten selbst verwendet, wurde jedoch zunächst von Ärzten und Forschern infrage gestellt. Im selben Jahr definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Long COVID als eine Reihe von Symptomen (Müdigkeit, Dyspnoe usw.), die innerhalb von drei Monaten nach einer COVID-19-Infektion auftreten und mindestens zwei Monate anhalten können. Heute wird Long COVID dank wissenschaftlicher Fortschritte und des Engagements von Patientenorganisationen von Experten und Gesundheitsbehörden zunehmend anerkannt.
So erwähnen mittlerweile fast 45.000 Studien den Begriff Long COVID. Dennoch ist die Ursache weiterhin ungeklärt, auch wenn das Vorhandensein eines viralen Reservoirs oder einer chronischen Entzündung als mögliche Faktoren vermutet werden.
Long COVID und die beschleunigte Entwicklung von Alzheimer
Bereits 2020 deuteten neurologische und molekulare Beobachtungen auf eine beschleunigte Progression der Alzheimer-Krankheit bei Patienten mit schweren oder langanhaltenden COVID-19-Verläufen hin.
Typische kognitive Beeinträchtigungen bei Alzheimer
Neuropsychologische Tests zeigen nach einer COVID-19-Erkrankung kognitive Beeinträchtigungen, die denen der Alzheimer-Krankheit ähneln (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, Depression). Eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten ist im Verlauf von COVID-19 zu beobachten, bleibt jedoch aufgrund der Heterogenität der Untersuchungsmethoden und der neurologischen Nachbeobachtung der Patienten sowie aufgrund der Einbeziehung von Kontrollgruppen schwer quantifizierbar. Bei 25 % der Long-COVID-Patienten bestehen diese Beeinträchtigungen über mehrere Monate oder länger fort. Bei Patienten, die bereits an Demenz erkrankt sind, erhöht COVID-19 das Sterberisiko um das Fünffache.
Chronische Entzündungen verstärken die Entwicklung von Alzheimer
Die Neuroinflammation stellt einen der zentralen Mechanismen von Alzheimer dar, die durch Ablagerungen von Amyloid-β-Plaques (Aβ) und Tau-Proteinen gekennzeichnet ist. Weitere Prozesse wie oxidativer Stress und die Schädigung der Blut-Hirn-Schranke (BHS) tragen zu dieser miteinander verbundenen pathologischen Dynamik bei.
Studien zeigen ähnliche Mechanismen zwischen der durch SARS-CoV-2 verursachten Schädigung des Gehirns und den an der Alzheimer-Krankheit beteiligten Prozessen. Die Virusinfektion löst zunächst einen Zytokinsturm aus, der eine systemische Entzündungsreaktion verursacht und die Integrität der Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigt. Dadurch wird das Nervensystem peripheren Entzündungsprozessen und dem Virus ausgesetzt, wodurch ein neuroinflammatorisches Umfeld sowie oxidativer Stress entstehen, die die Ansammlung von Aβ- und Tau-Plaques begünstigen. Langfristig könnten diese Prozesse die neurodegenerative Entwicklung verstärken und beschleunigen, insbesondere bei Long-COVID-Patienten.
Verschärfende genetische Faktoren
Durch den Vergleich von 250 Studien wurden 46 Gene identifiziert, die möglicherweise sowohl die SARS-CoV-2-Infektion als auch die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit beeinflussen. Sie spielen eine Rolle bei zerebralen Funktionen sowie bei immunologischen und entzündlichen Reaktionen. Dazu gehören unter anderem die Gene ε4 der Apolipoprotein-E-Variante (APOE4) und HLA-DRB1*04:01.
Obwohl die Rolle von APOE4 kontrovers diskutiert wird, verstärkt diese Genvariante die Neuroinflammation, beeinträchtigt die Gehirnentwicklung, erhöht das Alzheimer-Risiko um das 14-Fache und verdoppelt das Risiko einer COVID-19-Erkrankung. APOE4 ist bei 30 % der Long-COVID-Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen nachweisbar, verglichen mit 16 % bei Patienten ohne kognitiven Abbau.
HLA-DRB1*04:01 ist ein Haupthistokompatibilitätskomplex der Klasse II, der für die Präsentation von Antigenen auf der Zelloberfläche verantwortlich ist und dadurch eine adaptive Immunantwort auslöst. Dieser Komplex könnte schwere COVID-19-Verläufe begünstigen, gleichzeitig aber vor Alzheimer schützen, indem er die Tau-Variante präsentiert, die zur Aggregation neigt.
Diese Zusammenhänge verdeutlichen die Bedeutung, die Wechselwirkungen zwischen Genen, Infektionen und Alzheimer besser zu verstehen, um neue Therapieansätze entwickeln zu können.
Long COVID und Alzheimer: neue Herausforderungen für die pharmazeutische Industrie
Herausforderung Nr. 1: Entwicklung robuster Diagnose- und Prognoseinstrumente für Long COVID
Im Gegensatz zur Alzheimer-Krankheit existiert für Long COVID bislang kein zuverlässiges Diagnoseinstrument. Nach Angaben des französischen Nationalen Gesundheitsamtes (Haute Autorité de Santé, HAS) basiert die Diagnose von Long COVID auf einer klinischen Untersuchung (körperlich und psychisch) sowie dem Ausschluss anderer möglicher Ursachen, beispielsweise einer Herzinsuffizienz. Die Komplexität der Diagnose ergibt sich insbesondere aus dem Fehlen eines spezifischen Biomarkers und der Vielfalt der auftretenden Beeinträchtigungen bei den Patienten. Tatsächlich unterscheiden sich in Studienprotokollen die Einschlusskriterien der Patienten, beispielsweise neurologische Tests und Angaben zu früheren COVID-19-Erkrankungen, je nach Kohorte, wodurch der Zusammenhang mit Alzheimer schwer nachzuweisen ist.
Die Diagnose könnte künftig auf hochauflösender Bildgebung sowie auf vaskulären, neuroendokrinen oder oxidativen Stress-Biomarkern basieren. Bereits heute ermöglichen diese Instrumente die Bewertung des Entzündungsniveaus oder von Organschäden (z. B. in der Lunge). Durch eine stärkere Korrelation dieser Daten mit der klinischen Entwicklung der Patienten und durch die Kombination mit genetischen Analysen, die bislang noch nicht ausreichend genutzt werden, könnte sich die langfristige Entwicklung von Long COVID besser vorhersagen lassen. Dies betrifft insbesondere das Risiko, kognitive Beeinträchtigungen zu entwickeln und die Progression der Alzheimer-Krankheit zu beschleunigen.
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Die Entwicklung spezifischer Diagnostiklösungen für Long COVID wird dazu beitragen, den Zusammenhang mit der Alzheimer-Krankheit besser zu verstehen und innovative Therapien einzusetzen, um die Versorgung der Patienten zu verbessern und die Neurodegeneration zu verlangsamen.
Herausforderung Nr. 2: Entwicklung therapeutischer Zielstrukturen für Long COVID
Heute erfolgt die Behandlung von Long COVID hauptsächlich symptomorientiert und basiert auf körperlicher Rehabilitation, während entzündungshemmende Medikamente nur ergänzend eingesetzt werden. Dennoch verstärkt das Zusammenspiel aus SARS-CoV-2-Infektion, überschießender Immunantwort und genetischer Prädisposition die Neuroinflammation und beschleunigt dadurch möglicherweise die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit.
Die derzeit entwickelten Therapieansätze berücksichtigen daher zunehmend eine immunmodulatorische Komponente durch entzündungshemmende Medikamente (Colchicin, Methylprednisolon). Auch die Nutraceutical-Forschung, beispielsweise mit Ascorbinsäure aufgrund ihrer entzündungshemmenden und antioxidativen Eigenschaften, stellt eine getestete Alternative dar.
Der Einsatz von Kombinationen kleiner interferierender RNA-Moleküle, von denen einige über Nasensprays verabreicht werden, wird zur Prävention und Behandlung von COVID-19 untersucht. Andere Ansätze, die derzeit bei der Alzheimer-Krankheit erforscht werden, könnten ebenfalls Long-COVID-Patienten zugutekommen. Die Hypothese eines viralen Reservoirs als Ursache von Long COVID könnte zudem eine aus der HIV-Forschung stammende Strategie inspirieren, die als „Shock and Kill“ bezeichnet wird und darauf abzielt, möglicherweise an der chronischen Entzündung beteiligtes latentes SARS-CoV-2 zu eliminieren.
Ein vertieftes Verständnis von Long COVID wird entscheidend sein, um Therapien zu entwickeln, die gezielt die Entzündungsprozesse adressieren, welche die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit beschleunigen könnten.
In den kommenden Jahren könnten Long-COVID-Patienten zu einer steigenden Zahl von Alzheimer-Erkrankungen beitragen. Fortschritte beim Verständnis der Erkrankung und die Entwicklung innovativer Therapien hängen jedoch vor allem von einer zuverlässigen Diagnose ab, die eine frühzeitige Erkennung und Behandlung ermöglicht.
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Über die Autoren,
Stacy, Consultant in Alcimeds Healthcare-Team in Frankreich
Martin, Project Manager in Alcimeds Healthcare-Team in Frankreich