Regulatorische Dynamik: von der Zulässigkeit zur Erwartung
Innovationsführerschaft in den USA und China
Organoide werden heute in der Regel ergänzend und nicht als Ersatz für Tiermodelle eingesetzt. Regulierungsbehörden erkennen sie jedoch zunehmend als geeignete Alternativen in bestimmten Kontexten, unter anderem als präklinische Evidenz. In den USA erweiterte der FDA 2022 Modernization Act 2.0 die Einsatzmöglichkeiten von Organoiden und anderen New Approach Methodologies (NAMs) und hob die strikte Verpflichtung zu Tierversuchen in präklinischen Studien auf. Im April 2025 kündigte die FDA Pläne an, die Anforderungen an Tierversuche für monoklonale Antikörper schrittweise abzuschaffen, und setzte diese Pläne unmittelbar um. Drei Monate später unterstützte das National Institutes of Health (NIH) diese Entwicklung mit der Gründung der Organoid Research and Informatics Validation Alliance und stellte 87 Millionen US-Dollar für die Standardisierung und den Vergleich mit Tiermodellen bereit. Im März 2026 veröffentlichte die FDA einen Leitlinienentwurf mit formalen Validierungsgrundsätzen für NAMs. Dies ist bislang das deutlichste Signal dafür, dass sich die regulatorische Haltung von einer bloßen Zulässigkeit hin zu einer Erwartungshaltung entwickelt.
Parallel zu den umfangreichen Initiativen der USA zur Nutzung von Organoiden verfolgt auch China einen klaren Kurs und hat sich zu einem Vorreiter bei der spezifischen Regulierung von Organoiden entwickelt. Das National Science and Technology Ethics Committee in China veröffentlichte im April 2025 die Human Organoid Research Ethical Guidelines, ein umfassendes Dokument, das wichtige klinische und ethische Aspekte des Einsatzes von Organoiden in der Forschung behandelt. Klare Leitlinien in Verbindung mit einer starken Förderung neuartiger Organoidplattformen, die die menschliche Physiologie möglichst realitätsnah abbilden, positionieren China gemeinsam mit den USA als globalen Vorreiter bei der Einführung von Organoiden in der F&E.
Weltweit arbeiten die European Medicines Agency (EMA) und die japanische Pharmaceuticals and Medical Devices Agency (PMDA) an ersten formalen regulatorischen Rahmenbedingungen für Organoide, allerdings in einem langsameren Tempo.
Fortschritte bei Standardisierung und Tests sind entscheidend für die regulatorische Akzeptanz
Die großen Gesundheitsbehörden betonen die Notwendigkeit weiterer Tests und einer stärkeren Standardisierung, bevor Tiermodelle vollständig ersetzt werden können. Vergleichende Validierungsstudien, in denen die Vorhersagegenauigkeit von Organoiden und Tiermodellen direkt gegenübergestellt wird, werden entscheidend sein. Diese Entwicklungen spiegeln den seit Langem bestehenden öffentlichen Druck wider, Tierversuche zu reduzieren, und jüngste politische Veränderungen zeigen, dass sich hier tatsächlich etwas bewegt: Das Programm Complement Animal Research in Experimentation des NIH soll die Entwicklung, Standardisierung, Validierung und Nutzung alternativer Technologien, einschließlich Organoiden, beschleunigen. Dafür wurden 150 Millionen US-Dollar bereitgestellt.
Aktuelle und aufkommende Anwendungen von Organoiden in verschiedenen Therapiegebieten
Aktuelle Einsatzmöglichkeiten von Organoiden in der Arzneimittelentwicklung
Die Onkologie war eines der Vorreiterfelder bei der Nutzung von Organoiden. Tumororganoide, die die genetischen Eigenschaften eines Patienten möglichst genau abbilden, können mit verschiedenen Wirkstoffen getestet werden, um die wirksamsten Therapien zu identifizieren. Sie können in größeren Mengen hergestellt werden, um eine Erkrankung langfristig zu modellieren, oder gezielt zur Modellierung des Tumors eines einzelnen Patienten für die personalisierte Medizin erzeugt werden. Im Jahr 2023 arbeitete ein Team des Fred Hutchinson Cancer Center in Seattle mit SEngine Precision Medicine zusammen, um Therapieoptionen für eine Patientin mit Ovarialkarzinom im Stadium IV zu identifizieren. Diese ex vivo-Tests führten zur Auswahl einer Behandlung, mit der bei der Patientin sieben Monate lang eine stabile Erkrankung bei beherrschbaren Nebenwirkungen erreicht werden konnte. Angesichts der schlechten Prognose der Patientin war dies ein bedeutender Erfolg und verdeutlicht das Potenzial von Organoidtechnologien für die personalisierte Medizin. Mit der Entwicklung weiterer Tumormodelle für die personalisierte Medizin und für umfassendere onkologische Studien wird sich dieses Feld weiterentwickeln.
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Gastrointestinale und Lebererkrankungen sind ein weiterer wichtiger Anwendungsbereich von Organoiden. Die Modellierung akuter oder genetisch bedingter Lebererkrankungen ermöglicht es, Therapieoptionen unter physiologisch relevanten Bedingungen zu untersuchen. Leberorganoide können eingesetzt werden, um die Toxizität frühzeitig zu bewerten und dadurch schädliche Kandidaten in der F&E herauszufiltern. Roche modellierte gemeinsam mit dem Cincinnati Children’s Hospital erfolgreich eine immunvermittelte Leberschädigung in einem Organoidmodell und ebnete damit den Weg für den weiteren Einsatz dieser Technologie zur Verbesserung von Vorhersagen.
Die Forschung zu Atemwegserkrankungen unter Einsatz von Organoiden spielte während der COVID-19-Pandemie eine wichtige Rolle. Lungenorganoide halfen dabei, die Wirksamkeit viraler Therapien zu untersuchen und deren Wirkmechanismen zu verstehen, die auf eine Verbesserung der Behandlungsergebnisse bei Patienten mit Atemwegsinfektionen abzielen. RemdesivirTM, ein antiviraler Wirkstoff zur Behandlung von COVID-19, wurde mithilfe menschlicher Lungenorganoide auf seine Wirksamkeit getestet.
Aufkommende Einsatzmöglichkeiten von Organoiden in der Arzneimittelentwicklung
Der Markt für menschliche Organoide erreichte 2025 schätzungsweise ein Volumen von rund 1,2 Milliarden US-Dollar und wächst mit einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von etwa 20 %, 2- bis 3-mal schneller als der Markt für Tierversuche (CAGR von etwa 6–8 %). Das anhaltende Wachstum des Marktes für Tierversuche entspricht dem Wachstum im Bereich der F&E-Tests (CAGR von etwa 6,5 %). Während der Markt für Tierversuche derzeit noch größer ist (geschätzte 10 Milliarden US-Dollar gegenüber 1 Milliarde US-Dollar), deutet die Entwicklung darauf hin, dass Organoide im kommenden Jahrzehnt einen wachsenden Anteil der präklinischen Tests übernehmen werden.
Die Dermatologie ist ein aufkommender Anwendungsbereich für Organoide. Künstliche Haut ist bereits ein etablierter Standard für Sicherheitstests in der Kosmetik und dient als ethische Alternative zu Tierversuchen. L’Oréal war bei dieser Entwicklung ein Vorreiter und arbeitete mit der UC Berkeley sowie weiteren Akteuren aus Industrie und Wissenschaft zusammen. Die kosmetische Forschung bietet eine solide Grundlage für die Weiterentwicklung dieses Ansatzes in der Dermatologie. Unternehmen wie BioHive in Frankreich bieten Hautorganoide sowohl für die pharmazeutische F&E als auch für die Kosmetikindustrie an. Diese Organoide enthalten die verschiedenen in der Haut vorkommenden Zelltypen und können sogar entzündliche Erkrankungen und unterschiedliche Hauttypen modellieren. Damit tragen sie dazu bei, die dermatologische Forschung in neue Bereiche voranzutreiben.
Die Kardiologie ist ein weiterer aufkommender Anwendungsbereich. Ein Forschungsteam in Australien setzte kardiale Organoide ein, um zu zeigen, dass die BET-Hemmung die schädlichen Auswirkungen einer kardialen Entzündung während einer SARS-CoV-2-Infektion reduzierte. Die technische Komplexität bei der Modellierung der extrazellulären Umgebung des Herzens und seiner verschiedenen Gewebetypen bleibt jedoch eine Herausforderung, die vor einer breiteren Nutzung kardialer Organoide überwunden werden muss.
Die Neurologie bietet aufgrund der zellulären Vielfalt des Gehirns sowohl große Chancen als auch erhebliche Herausforderungen. Jüngste Fortschritte ermöglichen es, dass menschliche Gehirnorganoide zentrale Merkmale neurodegenerativer Erkrankungen, darunter Amyloid- und Tau-Pathologien bei der Alzheimer-Krankheit, nachbilden. Da sich diese neurodegenerativen Erkrankungen bislang nur äußerst schwer modellieren lassen, könnten weitere Fortschritte neue therapeutische Entwicklungen ermöglichen.
3 zentrale Überlegungen zur Überwindung technischer Einschränkungen und zum Aufbau der richtigen Partnerschaften
Für F&E-Verantwortliche ist es entscheidend zu verstehen, wie und wann der Mehrwert von Organoidtechnologien genutzt werden kann, die noch nicht vollständig ausgereift sind. Drei technologische Entwicklungsfelder sind für diese Entscheidung maßgeblich. Je nach Therapiegebiet erfordern sie jeweils einen anderen strategischen Ansatz.
Zentrale Überlegung 1: die begrenzte Standardisierung des Organoidwachstums und der Organoideigenschaften adressieren
Die Standardisierung hinkt der frühen Innovationsphase typischerweise hinterher, auch wenn sich die Protokolle weiterentwickeln, unter anderem durch Leitlinien der American Type Culture Collection (ATCC). Die Möglichkeit, einfach und zuverlässig konsistente Organoide zu erzeugen, ist ein entscheidender Faktor bei der Frage, ob die Entwicklung intern erfolgen oder ein externer Partner eingebunden werden sollte. Für Therapiegebiete, in denen Organoidmodelle bereits gut etabliert sind (Gastrointestinaltrakt, Leber, Onkologie), können interne Programme oder externe Partnerschaften heute wahrscheinlich reproduzierbare Ergebnisse liefern. Für Anwendungen in einem früheren Entwicklungsstadium ist eine Partnerschaft mit spezialisierten akademischen Einrichtungen oder Biotech-Unternehmen bzw. CROs wahrscheinlich der schnellere Weg. Künftige Möglichkeiten zur Standardisierung werden aus automatisierten Workflows entstehen, die die Heterogenität der Organoidphänotypen weiter reduzieren und die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse verbessern.
Zentrale Überlegung 2: die Vaskularisierung verbessern, um Größe und Lebensdauer von Organoiden zu erhöhen
Den meisten derzeitigen Modellen fehlen Blutgefäße und Blutfluss, was häufig die Größe und Lebensdauer von Organoiden in Kultur begrenzt. In diesem Bereich gibt es jedoch rasante Fortschritte: Im Juni 2025 veröffentlichten Forscher der Stanford Medicine eine wegweisende Studie, in der erstmals Herz- und Leberorganoide mit sich selbst organisierenden Blutgefäßnetzwerken nachgewiesen wurden. Die vaskularisierten Herzorganoide enthielten 15 bis 17 Zelltypen und näherten sich damit der Komplexität eines frühen menschlichen embryonalen Herzens. Dieser Durchbruch adressiert eine der größten Einschränkungen des Feldes und eröffnet den Weg für langlebigere und physiologisch relevantere Modelle für die Wirkstofftestung. Für F&E-Teams in der Kardiologie oder Hepatologie ist dies ein Bereich, den es eher über Partnerschaften oder Lizenzierungen als über eine interne Entwicklung zu erschließen gilt.
Zentrale Überlegung 3: die Integration von Immunzellen verbessern
Das Fehlen biologisch relevanter Immunzellen in Kulturen schränkt die Nutzung von Organoiden insbesondere in der Immunologie ein. Forscher von Roche entwickelten Organoide, die gewebsständige Immunzellen enthalten, und erzielten damit einen bedeutenden Fortschritt. Weitere Fortschritte bei der Integration von Immunzellen könnten Organoide in zahlreichen Bereichen verbessern, da Immunzellen bei vielen Erkrankungen und in zahlreichen Organen eine entscheidende Rolle spielen. Für die meisten Organisationen bleiben vollständig immunkompetente Organoidmodelle derzeit ein langfristiges Ziel. Statt sie bereits heute intern zu entwickeln, sollten Unternehmen diese Entwicklung über Branchenkooperationen und gemeinsame Forschungsprojekte beobachten.
Das Fazit: Der Reifegrad von Organoiden unterscheidet sich je nach Organ und Anwendung erheblich. F&E-Teams, die ihre Pipeline mit dieser Entwicklung abgleichen und die richtige Kombination aus internen Investitionen, Partnerschaften mit CROs und Biotech-Unternehmen sowie akademischen Kooperationen wählen, können schneller einen Mehrwert erzielen.
Da die FDA Standards für die Validierung von NAMs formalisiert und die Einführung von Organoiden in verschiedenen Therapiegebieten beschleunigt wird, lautet die Frage nicht mehr, ob Organoide die F&E-Pipelines verändern werden, sondern wie schnell Ihr Unternehmen sie integrieren wird.
Zwei Fragen sollten Sie sich stellen, wenn Sie den Nutzen von Organoiden für Ihre F&E-Prozesse bewerten:
- Wie ausgereift sind Organoide für meine aktuelle Pipeline? Welche Programme können bereits heute auf ausgereifte Organoidmodelle zurückgreifen und für welche ist eine Partnerschaftsstrategie erforderlich, um Zugang zu neuen Fähigkeiten zu erhalten?
- Was kostet das Abwarten? Wenn Wettbewerber Organoide einsetzen, um Risiken bereits in frühen Entwicklungsphasen zu reduzieren, und Regulierungsbehörden zunehmend NAM-Daten erwarten, wie wirkt sich Untätigkeit auf unseren Zeitplan und unsere Wettbewerbsposition aus?
Wir bei Alcimed begleiten Pharma- und Biotech-Teams genau bei diesen Fragen: Wir bewerten die Reife von Organoiden nach Therapiegebiet, identifizieren relevante Partner entlang der gesamten Wertschöpfungskette, unterstützen bei der Orientierung in sich wandelnden regulatorischen Umfeldern und vieles mehr. Kontaktieren Sie gerne unser Team!
Über den Autor,
Charles, Consultant im Life-Sciences-Team von Alcimed in den USA