Ambitionierte Produktionsziele werden nach unten korrigiert …
Auf französischer Ebene
Im Jahr 2020 beschloss die französische Regierung, massiv in die Wasserstoffbranche zu investieren, um Frankreich zum weltweiten Vorreiter für kohlenstoffarmen Wasserstoff zu machen. Die Strategie, welche zwischen 2020 und 2023 weiterentwickelt wurde, wird bis 2030 mit 8,9 Milliarden Euro finanziert und basiert auf drei Hauptzielen:
- Installation einer ausreichenden Zahl von Elektrolyseuren, um die Dekarbonisierung im Energiebereich voranzutreiben,
- Entwicklung einer ökologischen Mobilität, insbesondere für schwere Fahrzeuge,
- Schaffung von Arbeitsplätzen durch einen neuen Industriesektor.
Auch wenn die Regierung weiterhin an die Wasserstofftechnologie glaubt, räumte sie im März 2025 ein, dass diese „mehr Zeit benötigt hat als erwartet, um industrielle Reife zu erreichen“. Infolgedessen wurden die ursprünglich vorgesehenen Ziele von 6,5 GW Elektrolyseurkapazität bis 2030 und 10 GW bis 2035 nach unten korrigiert: auf 4,5 GW bis 2030 und eine Obergrenze von 8 GW bis 2035. Damit fallen die Ambitionen also deutlich niedriger aus als ursprünglich geplant.
Auf europäischer Ebene
Auch auf europäischer Ebene lässt die Euphorie der letzten vier Jahre nach.
Während der REPowerEU-Plan der Europäischen Kommission 2022 noch eine Produktion von 10 Millionen Tonnen erneuerbarem Wasserstoff in Europa und zusätzlich die Einfuhr derselben Menge bis 2030 vorsah, stufte der Europäische Rechnungshof diese Ziele in einem 2024 veröffentlichten Bericht als „unrealistisch“ ein. Begründung: „Die EU ist nicht auf Kurs, um sie zu erreichen“, was vor allem auf mangelnde Koordination und eine fehlende übergeordnete Vision bei den Projekten zurückzuführen sei.
Diese alarmierenden Einschätzungen decken sich mit den Schwierigkeiten, mit denen alle europäischen Länder beim Einsatz der Technologie konfrontiert sind. So verzeichnet Deutschland trotz seiner stark auf Wasserstoff ausgerichteten Entwicklungsstrategie von 2023 bereits erhebliche Verzögerungen.
… denn die Realität hat die ehrgeizigen Ziele eingeholt
Die Absenkung der ursprünglichen Ambitionen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten beim grünen Wasserstoff erklärt sich vor allem durch Zweifel daran, ob mit der Technologie tatsächlich alle ursprünglich angepeilten Märkte erschlossen werden, ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept umgesetzt und die Wettbewerbsfähig gegenüber anderen Lösungen sichergestellt werden kann. Auch haben die verschiedenen Länder Schwierigkeiten,, die Branche klar zu strukturieren.
Weniger Absatzmärkte als erwartet
Der Einsatz von grünem Wasserstoff in der Schwerlastmobilität, der ursprünglich als Priorität galt, entwickelt sich nur schleppend. Grund dafür ist vor allem die starke Weiterentwicklung der Batterietechnologien, die Wasserstofffahrzeuge wenig konkurrenzfähig macht. Hinzu kommt, dass das Netz an H₂-Tankstellen nach wie vor sehr begrenzt ist und die Ausbaupläne zu schwach sind, um Betreibern Vertrauen in die Relevanz dieser Technologie zu geben. Während Unternehmen wie Hyundai oder Toyota an der Brennstoffzelle festhalten, hat Renault sein Joint Venture Hyvia für Wasserstoff-Nutzfahrzeuge verlassen. Der CEO erklärte, es gebe „keinen Markt für Wasserstofffahrzeuge, und die Bedingungen für deren Erfolg sind nicht gegeben“.
Auch die Idee, Wasserstoff im Wohnungsbau-Heizmarkt einzusetzen – wie in Deutschland vorgesehen –, wurde mittlerweile verworfen, da es einfachere, effizientere und kostengünstigere Alternativen gibt.
In der Luftfahrt und im Schiffsverkehr befinden sich die meisten Projekte noch im Pilotstadium und verzögern sich. Besonders im maritimen Bereich, der als vielversprechend galt, hakt es: Hafeninfrastrukturen fehlen, und die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) hat bislang keine klaren Richtlinien für die Nutzung von H₂ als Treibstoff verabschiedet. In der Luftfahrt stellte Airbus zwar im März ein neues Konzept für ein Wasserstoffflugzeug vor, räumte jedoch ein, dass die Fortschritte „langsamer als erwartet“ seien. Das Programm ZEROe wird daher 2035 nicht wie ursprünglich geplant realisiert werden – ein neuer Zeitplan ist noch offen. Der Fokus der Branche scheint derzeit eher auf nachhaltigen Flugkraftstoffen und Elektrifizierung zu liegen.
Hohe Produktionskosten
Ein weiterer entscheidender Faktor sind die hohen Kosten von kohlenstoffarmem Wasserstoff, die im Vergleich zu fossilen Alternativen oder zu „grauem“ Wasserstoff aus Erdgas erhebliche Mehrkosten darstellen. Weder eine schnelle Kostenreduktion noch eine Erhöhung der öffentlichen Förderung ist in Sicht.
Zudem ist die internationale Konkurrenz stark: In Regionen wie Nordafrika (Marokko, Ägypten), der arabischen Halbinsel (Saudi-Arabien) oder Südamerika (Chile) kann grüner Wasserstoff deutlich günstiger produziert werden, dank wesentlich höherer Erträge bei Solar- und Windkraft. Während Photovoltaik in Frankreich etwa 14 % erreicht, liegen die Werte in diesen Ländern bei 25–30 %, bei Windkraft sogar bei 40–50 % gegenüber 25 % in Frankreich.
Technologische Grenzen
Während riesige Elektrolyseurprojekte mit mehreren Gigawatt zeitweise als Hoffnungsträger galten, zeigen sich in der Praxis enorme Hürden. Die derzeit zuverlässigen Systeme liegen bei etwa 1 MW, leistungsfähigere Anlagen zwischen 5 und 15 MW entwickeln sich nur langsam. Projekte von 100 bis 200 MW müssen daher auf die Reihenschaltung mehrerer Einheiten setzen.
Hinzu kommt die niedrige Verfügbarkeit solcher Anlagen: Sie liegt aktuell bei unter 90 %, da umfangreiche Wartungen erforderlich sind – deutlich weniger als die 95 % und mehr, die alternative Technologien erreichen. Für Industrieunternehmen ist dies ein erhebliches Problem, da eine zuverlässige kontinuierliche Versorgung mit dekarbonisierter Energie entscheidend ist.
Eine schwierige Inbetriebnahme
Die gesamte Branche kämpft sowohl auf Angebots- als auch auf Nachfrageseite mit Hürden.
Auf der Angebotsseite herrscht Unsicherheit: Verzögerte Projektstarts, unklare Strategien und ein Flickenteppich an Förderprogrammen verunsichern die Industrie. So hat Dänemark Ende 2024 angekündigt, eine geplante Wasserstoffpipeline nach Deutschland von 2028 auf 2031 zu verschieben. Auch Equinor hat sein Projekt einer blauen Wasserstoffpipeline von Norwegen nach Deutschland wegen zu hoher Kosten und fehlender Abnahmegarantien gestrichen.
Auf der Nachfrageseite zögern Unternehmen, sich langfristig zu binden – angesichts unklarer Kostenentwicklung und Projektfortschritte. Dieses Zögern reduziert die Rentabilität der Vorhaben weiter. Ein Teufelskreis, der die gesamte Branche lähmt: So hat GTT im Februar 2025 den Bau einer Gigafactory für Elektrolyseure gestoppt und den möglichen Abbau von 110 Stellen angekündigt, da 2024 „signifikante Aufträge ausgeblieben“ seien. Auch Engie verschob seine Ziele zur Produktion von 4 GW kohlenstoffarmem Wasserstoff weltweit um fünf Jahre.
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Eine Branche, die sich allmählich strukturiert – und alle Voraussetzungen erfüllen muss, um grünen Wasserstoff in Europa wettbewerbsfähig zu machen
Eine Branche im Aufbau
Trotz dieser schwierigen Anfänge nimmt die Strukturierung der Branche Fahrt auf, und Regierungen bekräftigen immer wieder ihre Entschlossenheit, diese zu fördern.
Deutschland kündigte Ende 2024 den Aufbau eines Hauptnetzes von 9.040 km Wasserstoffpipelines an, das bis 2032 schrittweise in Betrieb gehen soll. Mit einer Versorgungskapazität von 101 GW soll es laut Bundesregierung das „größte und leistungsfähigste Wasserstoff-Pipelinenetz der Welt“ werden.
Frankreich startete Anfang 2025 ein Förderinstrument für die Produktion von dekarbonisiertem Wasserstoff. Unterstützt werden Projekte mit Elektrolyseurleistungen zwischen 5 und 100 MW, deren Produktion überwiegend für industrielle Anwendungen vorgesehen ist.
Vielfältige industrielle Anwendungen
Experten sind sich einig: Wasserstoff ist unverzichtbar, um die europäische und weltweite Wirtschaft zu dekarbonisieren – insbesondere in schwer elektrifizierbaren Sektoren wie Raffinerien, Eisenreduktion oder Ammoniakproduktion. Auch durch strengere Vorgaben zugunsten von E-Fuels steigt die Nachfrage nach grünem Wasserstoff für die Methanolproduktion.
Weitere, kleinere Einsatzfelder reichen von Flachglasproduktion, Halbleiterfertigung und Wasserstoffperoxidherstellung bis hin zu Nischen wie Stahlverarbeitung, Öl-Hydrierung, Luft- und Raumfahrt oder Notstromversorgung großer Energieanlagen.
Chancen, die genutzt werden müssen
Trotz dieser potenziellen Anwendungsfelder zeigen jüngste strategische Neuausrichtungen vieler Unternehmen, dass erhebliche Zweifel bleiben. Europa muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit eine robuste, wettbewerbsfähige Branche entsteht.
So verschob ArcelorMittal Ende 2024 geplante Investitionen in Wasserstofftechnologien für die Eisenerzreduktion. Ausschlaggebend waren mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, Schwächen beim CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) und der Druck durch billige Importe. Das Unternehmen wartet nun auf regulatorische Klarstellungen und bessere Wettbewerbsbedingungen.
Wasserstoff ist kein Allheilmittel zur Dekarbonisierung Europas, aber ein unverzichtbarer Bestandteil eines klimaneutralen Energiemixes. Der Ausbau wird derzeit gebremst durch hohe Produktionskosten, technologische Grenzen, unklare Regulierungen, eingeschränkte Absatzmärkte und eine noch unzureichende Branchenstruktur.
Damit grüner Wasserstoff für die Industrie wirklich relevant und wettbewerbsfähig wird, müssen die Strategien und Förderprogramme von Regierungen und EU geschärft werden, um den Unternehmen Planungssicherheit zu geben und ein tragfähiges Ökosystem zu schaffen.
Wir bei Alcimed verfolgen die Entwicklungen in diesem Bereich genau und begleiten Sie gerne bei Ihren Projekten rund um grünen Wasserstoff. Kontaktieren Sie unser Team!
Über den Autor,
Sébastien, Project Manager in Alcimeds Energie-, Umwelt- und Mobilitätsteam in Frankreich