Healthcare

Ko-Kreation mit Patienten: Warum die Einbindung von Patienten in Innovationsprozesse heute unverzichtbar ist

Veröffentlicht am 26 September 2025 Lesen 25 min

Lange wurden Innovationen im Gesundheitswesen vor allem von Ärzten, Forschenden und Industrieakteuren vorangetrieben. Heute jedoch prägt ein neuer Ansatz die Entwicklung: Patienten werden zunehmend als entscheidende Partner betrachtet, wenn es darum geht, Lösungskonzepte mitzugestalten, die ihr Leben direkt betreffen. Ob in der Arzneimittelentwicklung oder bei digitalen Gesundheitstools – Ko-Kreation, ein kollaborativer Prozess, bei dem Patienten aktiv zur Innovation beitragen, verändert grundlegend, wie Fortschritte im Gesundheitswesen konzipiert und umgesetzt werden.

Doch warum vollzieht sich dieser Wandel gerade jetzt? In diesem Artikel beleuchten wir von Alcimed die aktuellen Entwicklungen rund um die Ko-Kreation mit Patienten im Innovationsbereich und analysieren deren Nutzen sowie bestehende Herausforderungen.

Was bedeutet Ko-Kreation im Gesundheitswesen?

Das Konzept der Ko-Kreation – auch Co-Design genannt – wurde bereits umfassend untersucht. Ko-Kreation wird definiert als „eine gemeinsame Anstrengung von Bürgern und Fachkräften des öffentlichen Sektors bei der Initiierung, Planung, Gestaltung und Umsetzung öffentlicher Dienstleistungen“.

Im Gesundheitswesen bezeichnet Ko-Kreation die strukturierte Einbindung von Patienten in die Ideation-, Design- und Testphasen von Gesundheitsprodukten, -dienstleistungen oder -maßnahmen.

Welche Trends zeichnen sich im Bereich der Ko-Kreation mit Patienten ab?

Regulatorischer Druck

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) fördert die Ko-Kreation durch die Patients’ and Consumers’ Working Party (PCWP), die Kooperationen etabliert, um Therapien besser an den Bedürfnissen der Patienten auszurichten – insbesondere in der Nutzen-Risiko-Bewertung und der Post-Market-Evaluierung.

Die U.S. Food and Drug Administration (FDA) legt im Rahmen des Patient Engagement Collaborative (PEC) mehr Gewicht auf eine frühe Patientenbeteiligung, bereits in der präklinischen Phase. Damit entwickelt sich die Patientenrolle von symbolischer Beteiligung hin zu substantieller Ko-Kreation – mit langfristigen Kooperationsmechanismen, die direkt die Entwicklung und regulatorischen Standards medizinischer Produkte beeinflussen.

Die wachsende Rolle von Patientenorganisationen (PAGs)

Patientenorganisationen haben sich von gemeinschaftsbasierten Initiativen zur Sicherung des Zugangs zu lebensrettenden Behandlungen hin zu institutionellen Akteuren entwickelt. Heute prägen sie Forschungsagenden, wirken an der Gestaltung klinischer Studien mit und tragen zu regulatorischen Entscheidungen bei.

In den USA existieren rund 3300 Patientenorganisationen, davon etwa 18 % mit Fokus auf seltene Erkrankungen1Unterstützung von Patienten durch Forschungskooperationen (o. D.). IQVIA [auf Englisch]. https://www.iqvia.com/insights/the-iqvia-institute/reports-and-publications/reports/supporting-patients-through-research-collaboration. Ihr Nutzen wird von den Akteuren in der Industrie und Institutionen anerkannt. Ein Beispiel: Beim WAPO Global Summit 2023 in Buenos Aires war ein Workshop zu „PAGs im Austausch mit Pharmaunternehmen“ besonders gefragt – mit Fokus darauf, wie beide Gruppen erfolgreich zusammenarbeiten können.


Erfahren Sie, wie unser Team Sie bei Ihren Projekten im Zusammenhang mit Patientenvertretung begleiten kann >


Starke Verankerung in der Industrie

Die Ko-Kreation mit Patienten ist mittlerweile weit verbreitet. Sanofi hat eine „Patient Community Charter“ eingeführt und berichtet jährlich, in welchem Anteil der vorklinischen Forschungsprogramme und Entwicklungsindikationen Patientenperspektiven integriert werden. Merck hat ein globales Team für Patientenvertretung und strategische Partnerschaften aufgebaut, das eng mit Patientenorganisationen zusammenarbeitet. Roche setzt stark auf patientenzentrierte Ansätze bei der Entwicklung von Diagnostik- und Therapielösungen. Diese Beispiele verdeutlichen: Die Kooperation von Patientenorganisationen und Industrieakteuren führt zu wirksameren, patientenzentrierten Lösungen.

Welche Vorteile bietet die Umsetzung einer Ko-Kreations-Strategie im Gesundheitswesen?

Die Ko-Kreation mit Patienten bietet zahlreiche vielversprechende Möglichkeiten für die Entwicklung von Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung, die den Bedürfnissen aller Stakeholder gerecht werden.

Höhere Erfolgsraten in der klinischen Forschung

Eine intensive Patientenbeteiligung steigert die Erfolgschancen klinischer Studien. Laut einer Analyse der Economist Intelligence Unit von 4000 patientenzentrierten Studien erzielten 87 % positive Ergebnisse, im Vergleich zu 68 % herkömmlicher Studien2Economist Impact. (2020). Stand der Patientenzentrierung 2020: Von patientenorientierten Absichten zur echten Ko-Kreation [auf Englisch]. https://impact.economist.com/perspectives/health/state-patient-centricity-2020-advancing-patient-first-intentions-true-co-creation.

Patienten tragen beispielsweise dazu bei, Studienprotokolle praxisnäher zu gestalten, die Rekrutierung und Bindung von Teilnehmern zu verbessern und die Relevanz der Ergebnisse zu erhöhen. Novartis etwa befragte CML-Patientenexperten für eine Phase-III-Studie. Auf deren Empfehlung wurde eine unnötige Biopsie gestrichen – die Studie wurde dadurch weniger invasiv, die Rekrutierung beschleunigte sich, und die Patientenaufnahme war 10 Monate früher abgeschlossen.

Verbesserte Patient Journey

Patienten tragen nicht nur zur Entwicklung konkreter Produkte wie Medikamente oder Geräte bei, sondern auch zur Gestaltung der Patient Journey. Eine Befragung von 637 Patienten in Guangzhou (China) zeigte: Wenn Patienten aktiv in ihre Behandlung eingebunden werden – z. B. durch Diskussionen über ihre Bedürfnisse, Nutzung von Online-Ressourcen und Austausch mit Ärzten – steigt die Patientenzufriedenheit deutlich. Zudem verbessern sich Therapieadhärenz und klinische Ergebnisse3Singh, D. R., Sah, R. K., Simkhada, B., & Darwin, Z. (2023). Potenziale und Herausforderungen des Einsatzes von Co-Design in der Gesundheitsforschung in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen [auf Englisch]. Global Health Research and Policy, 8(1). https://doi.org/10.1186/s41256-023-00290-64Fukami, T. (2024). Verbesserung der Rechenschaftspflicht im Gesundheitswesen für Verwaltungskräfte: Förderung von Transparenz für Patientensicherheit und Qualitätssteigerung [auf Englisch]. Cureus. https://doi.org/10.7759/cureus.660075Mai, S., Chang, L., Xu, R. H., Su, S., & Wang, D. (2024). Interaktionsverhalten von Ärzten, Patientenbeteiligung an der Wertschöpfung und Patientenzufriedenheit: Querschnittserhebung in einem Krankenhaus der tertiären Versorgung in Guangzhou, China [auf Englisch]. Scientific Reports, 14(1). https://doi.org/10.1038/s41598-024-73660-w.

Reduzierung regulatorischer Risiken

Die Ko-Kreation mit Patienten hilft Herstellern dabei, neuen regulatorischen Anforderungen zu entsprechen. Die FDA fordert heute Nachweise zu Patientenerfahrungen bei Arzneimittelbewertungen. Regulierungsbehörden im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden verlangen Nachweise zur Patientenbeteiligung bereits im Entwicklungsprozess. Unternehmen, die Patienten frühzeitig einbeziehen, können regulatorische Hürden verringern, Zulassungsprozesse beschleunigen und Diskussionen über Kennzeichnung reibungsloser gestalten.

Welche Herausforderungen bestehen bei der Einbindung von Patienten?

Mangel an Erfahrung

Viele Unternehmen geben offen zu, dass sie bislang wenig Erfahrung mit Patientenbeteiligung haben. Ohne etablierte Prozesse gleicht jedes neue Projekt einem kompletten Neustart – was zu Verzögerungen führt. Die Organisation eines globalen Workshops mit Patienten seltener Erkrankungen kann sich beispielsweise als logistische Mammutaufgabe entpuppen (mehrsprachige Ansprache, Berücksichtigung schwer erkrankter Teilnehmer), wenn es keinen bestehenden Leitfaden gibt.

Unklare Kennzahlen und ROI

Der konkrete Nutzen von der Ko-Kreation mit Patienten ist schwer zu beziffern. Über die Hälfte der Unternehmen sieht die fehlende Definition von KPIs als wesentliches Hindernis. Ohne messbare Modelle wirkt die Investition spekulativ. Eine Branchenanalyse bestätigte: Firmen „haben weder Metriken definiert noch einheitlich erhoben“. Dies erschwert es, zusätzlichen Aufwand für Co-Design-Aktivitäten intern zu rechtfertigen.

Fehlende Rahmenwerke und Best Practices

Es existieren bislang keine einheitlichen Leitlinien für die Ko-Kreation mit Patienten – weder von Unternehmens- noch von Regulatorenseite.

Diese Unsicherheit führt oft dazu, dass Compliance- und Rechtsabteilungen vorsichtig agieren und Innovationen bremsen. Eine systematische Übersichtsarbeit zum Co-Design im Bereich eHealth bestätigte: „Es gibt keinen klaren Konsens“ über praktikable Richtlinien für eine sinnvolle Patientenbeteiligung.

Die Ko-Kreation mit Patienten ist keine Modeerscheinung, sondern eine Notwendigkeit für nachhaltige Innovationen im Gesundheitswesen. Wenn die bestehenden Herausforderungen überwunden werden, können Stakeholder neue Chancen erschließen – für wirkungsvollere und stärker personalisierte Lösungen. Als Innovationspioniere im Gesundheitswesen begleiten wir von Alcimed Unternehmen und Institutionen dabei, Patientenstimmen in jeder Phase zu integrieren – und sicherzustellen, dass Innovationen wirklich die Bedürfnisse derjenigen erfüllen, für die sie gedacht sind. Sie möchten Ansätze zur Ko-Kreation in Ihre Prozesse integrieren? Kontaktieren Sie unser Team!


Über die Autorin, 

Chaoyue, Senior Consultant in Alcimeds Healthcare Team in Frankreich

Sie haben ein Projekt?

    Erzählen Sie uns von Ihrem Projekt

    Möchten Sie mehr über unser Beratungsangebot erfahren und Ihr Anliegen mit unserem spezialisierten Team besprechen? Schreiben Sie uns!

    Ein Mitglied unseres Teams wird sich in Kürze mit Ihnen in Verbindung setzen.


    Weiterführende Informationen