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Über die CO₂-Bilanz hinaus: Wie lässt sich die Kompatibilität mit einer kohlenstoffarmen Zukunft sicherstellen?

Veröffentlicht am 12 September 2025 Lesen 25 min

Um die Ziele des Pariser Abkommens – die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C – in die Praxis umzusetzen, stützen sich Initiativen wie die SBTi („Science Based Target initiative“) häufig auf ein mittlerweile in vielen Unternehmen bekanntes Instrument: die CO₂-Bilanzierung.

Bei der CO₂-Bilanzierung messen Unternehmen ihre direkten und indirekten Treibhausgasemissionen. Diese Art der Messung hilft, die eigenen Emissionen besser zu verstehen und die größten Emissionsquellen zu identifizieren. Sie stellt somit einen relevanten ersten Schritt zur Reduzierung der Emissionen dar. Dennoch stellt sich die Frage, ob sie ausreicht, um eine langfristige Low-Carbon-Strategie zu entwickeln und sicherzustellen, dass ein Unternehmen nachhaltig und damit zukunftsfähig aufgestellt ist.

In diesem Artikel zeigen wir von Alcimed auf, warum es wichtig ist, über die klassische CO₂-Bilanzierung hinauszugehen, um den CO₂-Ausstoß signifikant zu reduzieren.

CO₂-Bilanzierung vs. Kompatibilität mit einer kohlenstoffarmen Zukunft

Bei der Erstellung einer CO₂-Bilanz müssen Unternehmen drei Arten von Emissionen berücksichtigen (sogenannte Scopes). Scope 1 umfasst direkte Emissionen (z. B. chemische Prozesse in der Produktion, Gaslecks …), Scope 2 bezieht sich auf die Emissionen, die mit dem Stromverbrauch verbunden sind, und Scope 3 deckt alle indirekten Emissionen ab (z. B. Arbeitswege der Mitarbeitenden, Rohstofflieferungen, Entsorgung von Produkten am Ende des Produktlebenszyklus …).

Demgegenüber beschreibt die Vorstellung einer kohlenstoffarmen Zukunft das Konzept einer Welt, in der die Menschheit nicht mehr Treibhausgase ausstößt, als global wieder gespeichert werden können. Das bedeutet: (fast) kein Einsatz von Erdöl, Kohle und Erdgas zur Energieerzeugung, (fast) keine chemischen Prozesse, die Treibhausgase freisetzen, wie die Zementherstellung oder die Stickstoffdüngung von Pflanzen usw.

Die CO₂-Bilanzierung misst die Aktivitäten eines Unternehmens, einschließlich der Produktion, jedoch nicht der Nutzung seiner Produkte und Dienstleistungen. Sie liefert daher nur eine Teilperspektive auf die Kompatibilität eines Unternehmens mit einer kohlenstoffarmen Zukunft. Ein Unternehmen kann also eine geringe CO₂-Bilanz aufweisen, aber Produkte herstellen, die:

  • sehr viele Emissionen verursachen – etwa benzinbetriebene Autos,
  • in einer stark umweltschädlichen Industrie eingesetzt werden – z. B. Ausrüstung für die Ölförderung,
  • Verhaltensänderungen anstoßen – z. B. ein Supermarkt ersetzt seine Filiale in der Stadt durch eine im Vorort. Das neue Gebäude verursacht zwar weniger Emissionen, doch die Lage zwingt mehr Menschen, mit dem Auto anzureisen.

In allen drei Fällen ist auch der gegenteilige Effekt denkbar: Die Entwicklung einer Videokonferenz-App kann die CO₂-Bilanz des Unternehmens erhöhen, gleichzeitig aber Flugreisen für Geschäftstreffen verringern – also Fall 3 mit entgegengesetztem Ergebnis.

Warum ist die Kompatibilität mit einer kohlenstoffarmen Zukunft wichtig?

Theoretisch würde eine weltweite Reduktion der CO₂-Bilanzen von Unternehmen und Individuen automatisch eine kohlenstoffarme Zukunft schaffen. Warum also sollten Unternehmen noch weitergehen?

Wenn ein Unternehmen die Nutzung seiner Produkte und Dienstleistungen und deren Einfluss auf das Verhalten der Gesellschaft nicht berücksichtigt, riskiert es, von Wettbewerbern verdrängt zu werden, die besser auf das Bedürfnis ihrer Kunden nach emissionsarmen Lösungen eingehen.

Kurz gesagt: Unternehmen müssen diese Dimension beachten, um sicherzustellen, dass ihre Produkte und Dienstleistungen auch künftig nachgefragt werden.

Wie lässt sich die Kompatibilität mit einer kohlenstoffarmen Zukunft bewerten? – Das Beispiel einer Weltraummission

Alcimed arbeitete gemeinsam mit Carbone4 und Ekodev daran, der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) eine Methodik zur Bewertung der indirekten Emissionen einer Weltraummission zu entwickeln. Grundlage war das Anwendungsbeispiel Präzisionslandwirtschaft („Variable Rate Application“ oder „VRA“):

Ein Satellit verursacht bei Herstellung, Start und Betrieb erhebliche Treibhausgasemissionen. Gleichzeitig können Satellitendaten genutzt werden, um Emissionen in anderen Bereichen zu senken. In der Landwirtschaft beispielsweise unterstützen sie VRA, also die gezieltere Dosierung von Betriebsmitteln (Düngemittel, Wasser), wodurch Landwirte ihre direkten und indirekten Emissionen reduzieren können – eine Praxis, die bereits von einigen angewandt wird.

Um solche Effekte zu quantifizieren, sind drei Hauptschritte erforderlich:

  1. Vergleich der Emissionen: Analyse der aktuellen Emissionen einer Anwendung (z. B. Landwirtschaft) und Abgleich mit einem fiktiven Szenario ohne die Lösung (VRA). Frage: „Wie viel stößt die Landwirtschaft aktuell aus?“ vs. „Wie viel würde sie ohne VRA ausstoßen?“
  2. Identifizierung der Wertschöpfungskette: Aufschlüsselung aller Bestandteile der Lösung (Satellit, Computer, Traktor usw.) und Bestimmung ihres Beitrags.
  3. Analyse des Beitrags des Produkts: Bewertung der Rolle der Weltraummission und ihrer Segmente im Rahmen von VRA und deren Beitrag zu vermiedenen oder verursachten Emissionen.

Es sei angemerkt, dass es Standards zur Bewertung vermiedener Emissionen gibt. In diesem Artikel liegt der Fokus jedoch auf den qualitativen Aspekten der Kompatibilität mit einer kohlenstoffarmen Zukunft. Solch eine Analyse erfordert intensive Recherche, da die notwendigen Daten schwer zugänglich und sehr umfangreich sind. In unserem Beispiel mussten weltweite Praktiken der Präzisionslandwirtschaft untersucht und Emissionen zwischen „konventioneller“ und „präziser“ Landwirtschaft abgeschätzt werden.

Trotz hoher Unsicherheit und noch unausgereifter Methodik zeigte die Studie:

Die durch Präzisionslandwirtschaft vermiedenen Emissionen, ermöglicht durch Weltraummissionen, sind wesentlich höher als die Emissionen, die durch Satellitenprogramme und andere Komponenten (Drohnen, Rechenzentren etc.) verursacht werden.

Bei strategischen Entscheidungen im Bereich nachhaltiger Entwicklung ist es wichtig, über die CO₂-Bilanz hinauszuschauen. Auch die Auswirkungen der Produkte und Dienstleistungen sowie ihre Kompatibilität mit einer kohlenstoffarmen Zukunft sollten bewertet werden. Dafür sind umfangreiche Analysen und die Sammlung verstreuter Informationen erforderlich – ein hoher Aufwand, der jedoch notwendig ist, um fundierte Entscheidungen zu treffen und die richtigen Maßnahmen umzusetzen.

Gerade das Verständnis der Endnutzer und Anwendungssektoren ist entscheidend, um eine konsensfähige Vision für die strategischen Nachhaltigkeitsachsen von Unternehmen zu entwickeln. Wir begleiten Sie gerne bei diesem Prozess. Kontaktieren Sie unser Team!


Über den Autor, 

Steffen, Project Manager in Alcimeds Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidiungsteam in Frankreich

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