Healthcare

Wie kann Value-Based Healthcare (VBHC) in der Onkologie genutzt werden, um die Krebsbehandlung verbessern?

Veröffentlicht am 31 Januar 2024 Lesen 25 min

Krebs ist ein Beispiel für eine Krankheit, die zunehmend den Status einer chronischen Erkrankung annimmt, was naturgemäß Auswirkungen auf die Kosten und die Anforderungen an die Versorgungsqualität hat. Im Vergleich zu akuten Behandlungsepisoden ist die Versorgung chronischer Erkrankungen wie in der Onkologie oft herausfordernder und insgesamt kostspieliger für das Gesundheitssystem. Dies liegt daran, dass viele patientenspezifische Faktoren und Begleiterkrankungen eine Rolle spielen und die Patienten über lange Zeiträume unter der Aufsicht mehrerer Fachärzte betreut werden müssen. Ein Ansatz, um die Versorgungsqualität stabil zu halten oder zu verbessern und gleichzeitig die Kosten zu begrenzen, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, sind Ansätze zur wertorientierten Gesundheitsversorgung. In diesem Artikel analysieren wir von Alcimed, wie diese innovativen Ansätze genutzt werden können, um die Krebsversorgung zu verbessern.

Was ist Value-Based Healthcare (VBHC)?

Wertorientierte Gesundheitsversorgung (auch wertbasierte Gesundheitsversorgung genannt – aus dem Englischen von Value-Based Healthcare oder VBHC) legt den Fokus auf die gesundheitlichen Ergebnisse von Behandlungen im Verhältnis zu deren Kosten. Es handelt sich um ein Versorgungsmodell, bei dem Leistungserbringer – einschließlich Krankenhäuser und Ärzte – auf Basis der gesundheitlichen Ergebnisse der Patienten vergütet werden, anstatt allein nach der Menge erbrachter Leistungen (die möglicherweise nicht notwendig sind). Im Rahmen von wertorientierten Versorgungsvereinbarungen werden Leistungserbringer dafür belohnt, die Gesundheit der Patienten zu verbessern, die Auswirkungen und Häufigkeit chronischer Erkrankungen zu reduzieren und ein gesünderes Leben evidenzbasiert zu fördern.

Michael Porter gilt als Pionier dieses Ansatzes und schlug das erste Modell mit sechs Säulen vor, die heute als Basis für die Entwicklung verschiedener Modelle in den USA und anderen Ländern dienen:

  • Organisation in integrierten Versorgungseinheiten (Integrated Practice Units, IPUs),
  • Messung von Ergebnissen und Kosten für jeden Patienten,
  • Einführung von Pauschalzahlungen für Behandlungzyklen,
  • Koordination der Versorgung über verschiedene Einrichtungen hinweg,
  • Verfügbarmachen hochwertiger Versorgungsangebote auch in anderen Regionen,
  • Aufbau einer unterstützenden IT-Plattform.

Welche Herausforderungen sind mit VBHC-Konzepten in der Onkologie verbunden?

Obwohl der Begriff „wertorientiert“ seit mehreren Jahren existiert, bestehen nach wie vor Herausforderungen bei der Integration wertorientierter Strukturen in die Versorgung, insbesondere bei chronischen Erkrankungen wie beispielsweise in der Onkologie. Dies liegt an zwei Hauptgründen:

Fehlender Konsens darüber, wie „Wert“ definiert und gemessen wird

Leistungserbringer haben teilweise die Freiheit, „Wert“ subjektiv zu interpretieren. Oft führt jedoch eine unkoordinierte Versorgung und das Fehlen systematischer Daten zur Messung von Behandlungsergebnissen dazu, dass ein Konsens über den Wert schwer zu erreichen ist. Zudem ist unklar, wie dieser gemessen werden soll. Es muss erst noch nachgewiesen werden, ob alle Messgrößen die Versorgungsqualität und Lebensqualität gleichermaßen verbessern.

Komplexität vieler Indikationen, z. B. onkologische Erkrankungen

Krebspatienten unterscheiden sich stark in Krankheitsverlauf und -stadien, haben unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten sowie unterschiedliche Beginn- und Endpunkte der Therapie und benötigen in der Regel einen multidisziplinären Ansatz. Im Versorgungsprozess gibt es mehrere Punkte, an denen der „Wert“ definiert und gemessen werden kann. Zudem lassen sich unterschiedliche Aspekte der Behandlungsergebnisse betrachten – sowohl kurzfristige als auch langfristige – sowie die Erfahrungen der Patienten selbst.


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Wie lässt sich eine patientenzentrierte und wertorientierte Gesundheitsversorgung in der Onkologie schaffen?

Um eine patientenzentrierte wertorientierte Gesundheitsversorgung zu schaffen, sind zwei Faktoren entscheidend: Patientenzentrierung und wertbasierte Vergütungsmodelle.

Patientenzentrierung

Patientenzentrierung betont die Bedeutung einer individuellen Anpassung der Gesundheitsversorgung an die Bedürfnisse und Präferenzen jedes Patienten. Ziel ist es, eine umfassende Versorgung zu bieten, die nicht nur die gesundheitlichen Ergebnisse, sondern auch die Behandlungserfahrung und die Lebensqualität der Patienten verbessert.

Wertbasierte Vergütung

Wertbasierte Vergütungsmodelle legen den Fokus auf Kosten und bringen neue Perspektiven für die Vergütung und finanzielle Verantwortung der Beteiligten, wie Leistungserbringer und Kostenträger. Ziel ist es, die Zusammenarbeit aller Beteiligten in der Gesundheitsversorgung zu fördern, um die Patientenergebnisse zu verbessern und gleichzeitig Kosten und Risiken zu steuern.

Wie sieht die Umsetzung der wertorientierten Gesundheitsversorgung in den USA und Deutschland aus?

VBHC in den USA

Im Vergleich zu anderen Ländern haben die Vereinigten Staaten die höchste Zahl an Initiativen zur wertbasierten Vergütung, wobei der Affordable Care Act die VBHC maßgeblich vorangetrieben hat. Rund 90 % der US-Ärzte nutzen elektronische Gesundheitsakten (Electronic Health Records oder EHR), die ein zentrales Instrument für die Berichterstattung über Leistungs- und Qualitätskennzahlen darstellen. Hausärzte verwenden EHRs, um Leistungen abzurechnen und Qualitätskennzahlen zu melden, die je nach Programm variieren. Die Vielzahl an Programmen, Kennzahlen und EHR-Funktionen kann für Leistungserbringer herausfordernd sein. Die Motivation zur Teilnahme an Qualitätsprogrammen hängt vom individuellen Profil des Arztes ab; ist ein System jedoch etabliert, kann ein Ausstieg schwierig sein.

VBHC in Deutschland

Im deutschen Gesundheitssystem ist die Versorgungsqualität der Haupttreiber, und das Land macht vielversprechende Fortschritte in Richtung patientenzentrierter, wertorientierter Versorgung. So fließt Qualität beispielsweise in die Erstattung von Medikamenten und in diagnosebezogene Fallgruppen ein, bei denen qualitativ hochwertige Behandlungen stärker gewichtet werden als die bloße Anzahl der erbrachten Leistungen. Dennoch bestehen nach wie vor erhebliche Ungleichheiten in der Versorgung, insbesondere hinsichtlich Zugang und Versorgungsqualität. Ein Beispiel für Deutschlands Schritte hin zu patientenzentrierter VBHC ist das Zertifizierungsprogramm für Krebszentren, die spezifische Qualitätsstandards erfüllen müssen. Dieses Programm befindet sich derzeit in der Umsetzung und zielt darauf ab, die Versorgung in Expertenzentren zu bündeln.

Die Martini-Klinik: ein Vorzeigebeispiel für die Optimierung der Krebsversorgung durch Value-Based Care

Ein Beispiel für ein Zentrum mit einzigartiger Zertifizierung ist die Martini-Klinik in Hamburg. Diese Zertifizierung gilt als Vorteil, da die Klinik sich ausschließlich auf eine Erkrankung konzentriert – Prostatakrebs. Das Versorgungssystem wurde sorgfältig optimiert, um für diese Erkrankung die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Die Klinik hat Leitprinzipien entwickelt, um diese herausragenden Ergebnisse zu erreichen, darunter:

  • Superspezialisierung
  • Strenge Messung von Patienten berichteter Ergebnisse über viele Jahre
  • Einsatz modernster Technologien
  • Teamstruktur, die Lernen und Zusammenarbeit über Wettbewerb und Hierarchien stellt
  • Anreize für Ergebnisse und Teamzusammenhalt, mit einheitlichen Gehältern und gruppenbasierten Bonuszahlungen für das Erreichen von Qualitätszielen und wissenschaftlichen Gesamtleistungen
  • Mehrere Pauschalverträge mit den größten deutschen Versicherern, mit Qualitätskennzahlen von >95 % für Harnkontinenz und >97 % für Erektionsfunktion und weiteren

Mittlerweile ist die Martini-Klinik das weltweit größte Prostatakrebszentrum, hat erstklassige Standards und ausgezeichnete Behandlungsergebnisse für Patienten erreicht und gilt als eine der führenden Adressen für Prostatakrebspatienten.

Obwohl viele Gesundheitssysteme beginnen, das Konzept der wertorientierten Gesundheitsversorgung zu übernehmen, bestehen weiterhin Hindernisse. Eine der zentralen Herausforderungen ist die Definition dessen, was „Wert“ im Gesundheitswesen bedeutet. Darüber hinaus ist Patientenzentrierung entscheidend, aber noch nicht flächendeckend in allen Systemen etabliert, und Patienten haben oft keinen gleichberechtigten Zugang zur Versorgung. Weltweit werden verschiedene Programme entwickelt und kontinuierlich weiterentwickelt, doch eine systematische Umsetzung erfordert die Überzeugung aller Beteiligten, die Etablierung optimaler Vergütungssysteme und die Integration elektronischer Patientenakten sowie deren effektive Analyse und Nutzung. Wir bei Alcimed halten Sie gerne über zukünftige Entwicklungen auf dem Laufenden. Kontaktieren Sie unser Team!


Über den Autor, 

Volker, Great Explorer Oncology in Alcimeds Life Sciences Team in Deutschland

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