Energie - Umwelt - Mobilität

Wie könnte durch chemisches Recycling mehr Kunststoff recycelt werden?

Veröffentlicht am 09 Februar 2024 Lesen 25 min

Stellen Sie sich vor, Sie stehen mit einer Verpackung in der Hand vor der gelben Tonne und zögern. Diese Situation kommt Ihnen wahrscheinlich bekannt vor – jeder von uns hat sich schon einmal die Frage gestellt, ob bestimmte Gegenstände aus Plastik wiederverwertbar sind oder nicht. Auch wenn Mülltrennung für viele Leute selbstverständlich ist, bedeutet dies leider nicht, dass heute alle recycelbaren Kunststoffverpackungen auch recycelt werden. Alcimed lässt Sie in die Welt des Recyclings eintauchen, um zu verstehen, wie das sogenannte „chemische“ Recycling dazu beitragen könnte, mehr Plastik zu recyceln.

Eine gemischte Bilanz der mechanischen Recyclingverfahren

Mit 60.000 Unternehmen in der Kunststoffbranche in Europa, einem Umsatz von 30 Milliarden Euro in Frankreich und einer Nachfrage, die sich bis 2050 verdoppeln könnte, wächst die Kunststoffindustrie deutlich. Gleichzeitig werden die europäischen Vorschriften für das Recycling immer strenger. Bis 2025 müssen alle Kunststoffverpackungen mindestens 25 % recycelten Kunststoff enthalten und 65% der Verpackungen müssen recycelt werden. In Europa wurden 2019 jedoch von 29,1 Millionen Tonnen gesammeltem Plastik nur 9,4 Millionen Tonnen tatsächlich recycelt. Der Rest des gesammelten Plastiks wird entweder verbrannt oder auf Deponien entsorgt. Einige Kunststoffe können nämlich nicht recycelt werden, entweder aufgrund der Beschaffenheit des Ausgangspolymers oder weil bestimmte Verpackungen zu stark beschädigt sind.

Abgesehen von PET, das heute gut recycelt und im Lebensmittelbereich wiederverwendet wird, führt das weit verbreitete mechanische Recycling außerdem nicht zu ausreichend reinem Recyclingmaterial, um in allen Anwendungsbereichen und insbesondere für Lebensmittelverpackungen wiederverwendet werden zu können. Beim mechanischen Recycling wird der Post-Consumer-Kunststoff gewaschen, zerkleinert und zu Granulat verarbeitet, das dann für andere Anwendungen außerhalb des Lebensmittelbereichs wieder eingeschmolzen wird.

Chemisches Recycling – eine vielversprechende Alternative zu mechanischen Recyclingverfahren

Es sei daran erinnert, dass das Grundmaterial von Plastik ein Polymer ist, das seinerseits unter anderem aus Erdöl hergestellt wird. Das Prinzip des chemischen Recyclings von Kunststoff ist folgendes: Die Kunststoffabfälle werden einer chemischen Reaktion wie der Pyrolyse unterzogen, um die Bestandteile des Kunststoffs zu trennen und wieder das Grundpolymer zu erhalten. Dieses wird dann von den Verunreinigungen gereinigt, die durch die erste Verwendung des Kunststoffs entstanden sind. Aus dem so gewonnenen Polymer kann ein neuer Kunststoff hergestellt werden, der genauso rein ist wie der ursprüngliche Kunststoff. Dieses chemische Verfahren ermöglicht außerdem das Recycling aller Arten von Kunststoffen (PP, PE, PS, …), einschließlich solcher, die heute nicht mechanisch recycelt werden können, wie z. B. Frischhaltefolien für Lebensmittel.

Chancen, Herausforderungen und Perspektiven für das chemische Recycling von Kunststoffen

Das chemische Recycling von Kunststoffen wird heute zwar noch nicht in großem Maßstab angewandt, aber es ist dennoch vielversprechend. Sobald es industriell eingesetzt werden kann, wäre es für einige Akteure der Kunststoffindustrie möglich, in einem nahezu geschlossenen Kreislauf zu arbeiten, ohne neuen Einsatz von Erdöl und mit einer vollständigen Wiederverwertung der gebrauchten Kunststoffe. Die Reinheit des chemisch recycelten Materials wird auch der Lebensmittelindustrie den Zugang zu größeren Mengen an lebensmitteltauglichem recyceltem Plastik für die Entwicklung ihrer Verpackungen ermöglichen.

Dennoch herrscht immer noch eine gewisse Zurückhaltung gegenüber diesem Recyclingverfahren, vor allem aufgrund des hohen Preises der recycelten Materialien. In der Tat sind chemisch recycelte Materialien heute teurer als native Materialien. Die Akteure des chemischen Recyclings müssen auch daran arbeiten, die Bevölkerung über ihre Technologie zu informieren, um die Skepsis gegenüber den chemischen Verfahren, die oftmals negativ wahrgenommen werden, abzubauen.

Diese potenziellen Hemmnisse halten jedoch einige Akteure der Lebensmittelindustrie nicht davon ab, Partnerschaften mit Unternehmen in der Petrochemie einzugehen, wie z. B. Magnum, das 2019 in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Sabic Eisbecher auf den Markt brachte, die 25 % chemisch recycelten Kunststoff (Polypropylen) enthielten. Ein weiteres Beispiel ist die Zusammenarbeit von Sabic, BASF und Südpack im Jahr 2020, um für für die deutsche Lebensmittelmarke „Zur Mühlen“ eine Wurstverpackung mit 2/3 chemisch recyceltem Plastik entwickelt haben. Im Oktober 2020 veranstaltete Citeo, ein Unternehmen, das sich auf das Recycling von Haushaltsverpackungen und grafischen Papieren spezialisiert hat, zum zweiten Mal in Folge das Forum „Kunststofflösungen“. Citeo ließ dabei 10 Start-ups zu Wort kommen, die sich mit der Problematik des chemischen Kunststoffrecyclings beschäftigen.

In einer Welt, in der die Kreislaufwirtschaft an Bedeutung gewinnt, sollte sich das chemische Recycling von Plastik als Ergänzung zum mechanischen Recycling positionieren. Insbesondere die von der Europäischen Kommission festgelegten Ziele für die Beimischung von recyceltem Plastik in unsere Verpackungen könnten mit dem chemischen Recycling leichter erreicht und die Entwicklung neuer Wertschöpfungsstrategien ermöglicht werden.


Über die Autorinnen, 

Amélie, Consultant in Alcimeds Life Sciences Team in Frankreich
Alice,
Project Manager in Alcimeds Life Sciences Team in Frankreich

Sie haben ein Projekt?

    Erzählen Sie uns von Ihrem unerforschten Gebiet

    Sie haben ein Projekt und möchten es mit unseren Entdeckern besprechen? Schreiben Sie uns!

    Ein Mitglied unseres Teams wird sich in Kürze mit Ihnen in Verbindung setzen.