Was ist die Patentklippe?
Der Begriff Patentklippe bezeichnet den abrupten Rückgang von Umsatz oder Gewinn, wenn der Patentschutz eines Unternehmens ausläuft und Wettbewerber generische oder ähnliche Produkte auf den Markt bringen können. Patente gewähren 20 Jahre Exklusivität; nach ihrem Ablauf können Rivalen jedoch in den Markt eintreten. Die führt häufig zu erheblichen Einbußen bei Marktanteilen und Profitabilität. Während die biopharmazeutische Industrie besonders anfällig ist, sind auch Bereiche wie die Technologie- und Fertigungsbranche diesem Risiko ausgesetzt.
Was ist ein Blockbuster-Arzneimittel?
Ein Blockbuster-Arzneimittel ist ein besonders erfolgreiches Medikament, das dem pharmazeutischen Unternehmen, das es vermarktet, jährlich mehr als 1 Milliarde US-Dollar Umsatz einbringt.
Welche Blockbuster-Arzneimittel laufen in den nächsten fünf Jahren aus?
Eine Welle bedeutender Arzneimittelpatente steht kurz vor dem Ablauf. Zwischen 2025 und 2030 laufen die Patente von fast 200 Produkten aus, darunter etwa 70 Blockbuster-Arzneimittel. Jedes dieser Arzneimittel generiert den Unternehmen mehr als 1 Milliarde US-Dollar Jahresumsatz.
Blickt man auf die Jahresumsätze von 2024, sind einige besonders eindrucksvolle Beispiele des bevorstehenden Patent Cliffs zu nennen:
- Keytruda (Merck, 29,5 Mrd. USD): monoklonaler Antikörper (Anti-PD-1) zur Behandlung mehrerer Krebsarten, darunter nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom, Melanom usw.
- Eliquis (Bristol Myers Squibb/Pfizer, 13,3 Mrd. USD): orales Antikoagulans (Faktor-Xa-Inhibitor) zur Prävention und Behandlung thromboembolischer Erkrankungen wie Vorhofflimmern, tiefer Venenthrombose und Lungenembolie.
- Dupixent (Sanofi/Regeneron, 14,15 Mrd. USD): monoklonaler Antikörper (Anti-IL-4Rα) für atopische Dermatitis, Asthma, eosinophile Ösophagitis und chronisch obstruktive Lungenerkrankung.
- Opdivo (Bristol Myers Squibb, 9,3 Mrd. USD): monoklonaler Antikörper (Anti-PD-1) für verschiedene Krebsarten, darunter Melanom, nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom, Nierenzellkarzinom u. a.
- Gardasil/Gardasil 9 (Merck, 8,58 Mrd. USD): rekombinanter HPV-Impfstoff zur Prävention HPV-assoziierter Erkrankungen.
Neben diesen umsatzstärksten Produkten zählen zahlreiche weitere, bald auslaufende Patente zu großen Akteuren wie AbbVie, Eli Lilly, Bayer und AstraZeneca. Selbst die wichtigsten Branchenführer sind keineswegs vor dem Patent Cliff geschützt.
Warum ist die Patentklippe so bedeutend?
Bis 2030 stehen bei diesen führenden Arzneimitteln über 200 Milliarden US-Dollar an Jahresumsätzen auf dem Spiel. Wir fassen die wichtigsten Auswirkungen des Patent Cliffs zusammen:
Umsatzrückgang
Pharmaunternehmen verzeichnen unmittelbar nach Verlust der Exklusivität starke Umsatzrückgänge. So fielen die weltweiten Verkäufe von Pfizers Lipitor von 2,6 Mrd. USD im dritten Quartal 2011 auf 749 Mio. USD im dritten Quartal 2012 – ein Rückgang von 71 % innerhalb eines Jahres nach Patentablauf.
Zunehmender Wettbewerb
Mit dem Eintritt von Generika und Biosimilars verschärft sich der Wettbewerb erheblich, was die Preise stark sinken lässt. Als Amgen das Humira-Biosimilar Amjevita einführte, lag der Listenpreis 55 % unter dem von AbbVies Humira. Infolge des Exklusivitätsverlusts sank Humiras Umsatz von 21,2 Mrd. USD im Jahr 2022 auf 9 Mrd. USD im Jahr 2024.
Innovationsdruck
Pharmaunternehmen müssen die Herausforderung bewältigen, trotz sinkender F&E-Budgets Innovationen voranzutreiben. Im Zuge der drohenden Patentklippe und neuer gesetzlicher Preisregelungen haben große Unternehmen wie Pfizer, Bristol-Myers Squibb, Bayer und Novartis umfassende Kürzungen in F&E sowie Entlassungen vorgenommen. Dies ist ein deutliches Zeichen für eingeschränkte Investitionen in die Wirkstoffforschung.
3 Strategien zur Abfederung des Exklusivitätsverlusts im Biopharma-Bereich
Der kritische Wendepunkt rückt näher. Biopharmaunternehmen haben bereits vielfältige Strategien umgesetzt und werden diese weiter vorantreiben, um Einnahmequellen zu sichern und die Marktposition trotz unvermeidbarem Exklusivitätsverlust zu schützen.
Strategie Nr. 1: Lebenszyklusverlängerungen & Evergreening
Unternehmen können ihre Markt-Exklusivität verlängern und ihre Umsätze schützen, indem sie zusätzliche Patente sichern – etwa durch Verlängerung der Patentlaufzeit, Reformulierungen bestehender Medikamente oder Repurposing (Identifizierung und Validierung neuer therapeutischer Anwendungen bereits bekannter Wirkstoffe, einschließlich zugelassener Medikamente). Darüber hinaus werden neue Darreichungsformen eingeführt (ein Ansatz, der als Evergreening bezeichnet wird), um den Exklusivitätsverlust auszugleichen. Merck hat beispielsweise eine subkutane Version von Keytruda entwickelt und im September 2025 die FDA-Zulassung für KEYTRUDA QLEX™ für die meisten soliden Tumorindikationen erhalten. Dieser Erfolg wird helfen, Marktanteile angesichts des bevorstehenden LOE (Loss of Exclusivity) zu verteidigen.
Strategie Nr. 2: Fusionen und Übernahmen (M&A)
Große Pharmaunternehmen setzen typischerweise auf eine mehrgleisige Strategie zur Minderung der Auswirkungen des Patent Cliffs, wobei Fusionen und Übernahmen (M&A) eine zentrale Rolle spielen. Pfizer übernahm den Onkologiespezialisten Seagen, um Zugang zu einer Pipeline mit starkem Wachstumspotenzial (geschätzte ~3 Mrd. USD Umsatz bis 2027) zu erhalten und gleichzeitig KI-gestützte F&E-Initiativen und Kostenziele zu unterstützen. Bristol Myers Squibb erwarb Celgene für 74 Mrd. USD – ein proaktiver Schritt zur Abfederung des Patent Cliffs seiner Schlüsselprodukte Yervoy und Eliquis durch innovative hochwertige Arzneimittel und führende wissenschaftliche Kapazitäten. Und Mercks Übernahme von Verona Pharma für 10 Mrd. USD im Juli 2025 dient als strategische Absicherung: Die Pipeline von Verona soll Umsatzverluste durch den Keytruda-Patentablauf kompensieren.
Strategie Nr. 3: Markenschutz & Preisstrategie
Mit näher rückendem LOE passen Unternehmen häufig ihre Vertriebs- und Marketingstrategien an. Dazu gehört etwa Einsparungen beim Außendienst und den stärkeren Einsatz von Loyalitätsprogrammen, Real-World-Evidence und wertorientierter Preisgestaltung. So veränderte AstraZeneca die Promotion von Nexium bereits 2–3 Jahre vor dem LOE. AbbVie setzte Vertriebsmitarbeitende von Humira zwei Jahre vor Patentablauf auf Skyrizi und Rinvoq um.
Die drohende Patentklippe gefährdet enorme Umsätze im Pharmasektor, insbesondere wenn Blockbuster ihre Exklusivität verlieren. Unternehmen müssen jetzt handeln, um Innovation und Marktzugang zu sichern und frühzeitig Schritte einzuleiten, die ihre Umsätze und ihre F&E-Aktivitäten langfristig schützen. Wir von Alcimed stehen bereit, alle betroffenen Akteure in dieser entscheidenden Phase zu begleiten. Kontaktieren Sie unser Team!
Über die Autorin,
Chaoyue, Senior Consultant Lead in Alcimeds Life Sciences Team in Frankreich